|
14.06.2004
Internetstörche werfen Junges ab
Futtermangel wahrscheinliche Ursache
Am 14. Juni vormittags "regulierte" ein Altstorch die Zahl der Jungen im Vetschauer Storchenhorst. Das kleinste Küken, Afri, der Liebling vieler StorchenfreundInnen im Internet, wurde kurzerhand mit dem Schnabel gegriffen und über die Nestkante geworfen. Beim Aufprall auf die Straße erlitt es tödliche Verletzungen.
Damit reduzierte das Storchenpaar die Zahl der Jungen wie auch in den Vorjahren. Die Entwicklung der Jungen verlief bereits stark unterschiedlich. Die Älteren wuchsen wesentlich schneller als das zuletzt Geborene. Da die ersten drei Küken im Abstand von je einem Tag schlüpften, Afri aber erst im Abstand von 4 Tagen, war die Entwicklung von Anfang an sehr unterschiedlich. Alle 4 Jungen wären nur durchgekommen, wenn genügend und schnabelgerechtes Futter von den Altstörchen über die Brutperiode hinweg zu finden wäre. Offensichtlich geben aber die Nahrungsbiotope nicht genügend Futter her. Außerdem brachten die Altstörche bereits viele große Futterbrocken, die das kleinste Küken nicht schlucken konnte. Dadurch bekam dieses nicht genügend Nahrung ab und blieb in der Entwicklung zurück.
So verbleiben also nur drei Junge bei den Internetstörchen. Diese sind wohlauf und werden gut von den Storcheneltern versorgt. Wir hoffen, dass nicht ein weiterer Jungstorch abgeworfen wird. Dieses ist nicht auszuschließen.
Weshalb töten einerseits die Altstörche ein Junges und andererseits sorgen sie sich aufopferungsvoll um ihren Nachwuchs? Nur ein scheinbarer Widerspruch. Wir Menschen empfinden das zwar als grausam, doch in der Natur dienen solches Verhaltensweisen der Arterhaltung. Futtermangel zwingt sie dazu! Wenn die Nahrungsbiotope nicht ergiebig genug sind, "regulieren" die Altstörche ihre Jungenzahl. Damit sichern sie den verbleibenden Jungen das Überleben. Die Jungen müssen bis Mitte August flügge sein und sich soweit kräftigen, dass sie im Spätsommer die gewaltige Flugstrecke nach Afrika in die Winterquartiere bewältigen. Die Vorgänge im Vetschauer Storchennest zeigen erneut, wie wichtig der Schutz der Nahrungsbiotope und deren Verbesserung für den Erhalt der Störche ist. Ein ausgewachsener Storch benötigt täglich immerhin 500 Gramm Futter. Bei einem Storchenpaar mit 3 Jungen kommen in einer Brutsaison 5 Zentner an Würmern, Käfern, Insekten, Mäusen, Fröschen, Maulwürfen oder Schlangen zusammen. Dazu benötigen die Störche intakte, gut strukturierte Nahrungsbiotope. Auf Dauergrünland, an Feuchtbiotopen, an Bächen und Flüssen, Feldgehölzen, Ödflächen und Fischteichen finden sie ihre Nahrung. Auf trocken gelegten Flächen oder auf großen, intensiv genutzten Flächen der Landwirtschaft entwickeln sich kaum Nahrungstiere. Die chemische Keule tut ihr übriges und führt zur Vernichtung vieler Arten und der Verarmung unserer Umwelt.
Verschiedentlich raten uns deshalb Storchenfreunde, die Störche doch zusätzlich zu füttern, damit alle Jungstörche flügge werden. Die Frage der Zufütterung haben wir im NABU, Regionalverband Calau, diskutiert und schließlich verworfen: In Brandenburg, dem storchenreichsten Bundesland brüten 1350 Storchenpaare. Bei den meisten steht das Problem des Futtermangels. In Deutschland beträgt die Reproduktionsrate nur 2,3 bis 2,5 Junge pro Brutpaar. Vergleichsweise beträgt diese in Polen über 3. Wir können nicht überall zufüttern, sondern wir müssen die Biotope naturgerechter gestalten. Das ist der einzig gangbare Weg, die Zukunft der Störche zu sichern. Außerdem gewinnen wir in Vetschau/Spreewald wissenschaftliche Erkenntnisse. Deshalb haben wir uns entschieden, nicht in die natürlichen Abläufe einzugreifen, sondern nur das Leben von Wildstörchen zu zeigen und zu dokumentieren. Die Erkenntnisse sind wichtig, um die notwendigen Schlussfolgerungen für den Storchenschutz ziehen zu können.
Winfried Böhmer Nabu-Projektleiter
Meinungen zur Nachricht...
Zurück zur vorigen Seite
|