Wissenswertes über den Weißstorch

Das Storchennest in Vetschau / Spreewald im Detail

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skippy
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Wissenswertes über den Weißstorch

Beitragvon skippy » Sa 2. Jun 2012, 11:19

Liebe Storchenfreunde,

vor Jahren hatte der Storchenfreund Ciconia-Horst hier in diesem Forum sein umfangreiches Fachwissen über den Weißstorch in zahlreichen Beiträgen niedergeschrieben. Als das Forum 2006 geschlossen werden musste, waren alle Beiträge weg... zum Glück hatte Martha sie gespeichert!

Für alle Beobachter des Nestes, die sich gern etwas Fachwissen aneignen wollen, um das Geschehen im Horst besser zu verstehen, hatte ich die Texte von Ciconia-Horst aufbereitet und hier eingestellt. Leider sind sie wiederholt Löschaktionen zum Opfer gefallen. Nun werde ich sie nach und nach wieder einstellen in der Hoffnung, dass sie allen Lesern zugänglich bleiben und ihr Wissen über den Weißstorch erweitern mögen.

Wer sofort alles lesen (und für sich speichern) möchte, kann sich das PDF-Dokument hier herunterladen.

Ich möchte euch bitten, in diesem Thema nichts zu posten, denn ich kann nicht alles auf einmal hochladen und es wäre schade, wenn der Zusammenhang durch Kommentare o.ä. auseinandergerissen würde.

Na dann... viel Freude beim Lesen - und Lernen.

P.S. Beim Einstellen des ersten Beitrags habe ich bemerkt, dass in dem PDF-Dokument Links enthalten sind, die mittlerweile nicht mehr aktuell sind. Ich werde das Dokument demnächst aktualisieren und bitte um ein wenig Geduld. Danke :-)
Zuletzt geändert von skippy am Mi 25. Jul 2012, 14:57, insgesamt 4-mal geändert.
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skippy
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Beitragvon skippy » Sa 2. Jun 2012, 11:41

PERFEKTE BAUMEISTER

Wenn die nordwärts steigende Sonne im Frühjahr den Äquator zur Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche zu überschreiten beginnt, ist die Zeit für die Rückkehr der Südzieher unter den Weißstörchen gekommen, und für uns Bewohner der Nordhalbkugel beginnt ein neues Storchenjahr. Ihre Horste, die sie im Herbst noch ausgebessert verlassen haben, mussten inzwischen so manchen Herbst- und Wintersturm überstehen und manche von ihnen sind arg mitgenommen oder auch vergrast, was für die Südrückkehrer gleich wieder Arbeit am Horst bei ihrer Ankunft bedeutet.

Da Störche eine starke Bindung an ihren Horst haben, kehren sie stets an denselben zurück, den sie im Vorjahr belegten. Ist er bereits von anderen Störchen, wie z. B. den Nichtziehern – Überwinterern – den sog. Horstbesetzern bereits belegt, werden diese rigoros und nicht selten durch blutige und mitunter sogar tödliche Kämpfe vertrieben und der Horst im wahrsten Sinne des Wortes zurückerkämpft.

Auch die mit einem Alter von 3 Jahren in Afrika geschlechtsreif gewordenen Jungstörche attakieren oft als sogenannte Störer ihre Artgenossen auf deren heimischen Horsten, meist aber erfolglos. Es liegt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um jene Jungstörche handelt, die einst auf diesem Horst geschlüpft sind und flügge wurden und nunmehr selbst nach einer Niststätte suchen.

Kein Altstorch lässt sich seinen Horst von einem Störer entreißen. Um nach den erfolgten Jahren der Geschlechtsreife im fernen Afrika als Erstrückkehrer und Jungstorch in den heimatlichen Brutgefilden selbst zur Brut zu gelangen – beide Geschlechter brüten – bleibt den jungen Adebars letztlich keine andere Wahl, als sich selbst als Baumeister eines Horstes zu bewähren, entweder in Astgabeln von größeren Bäumen wie Eichen und Buchen (Marchauer Eichen), beim Schwarzstorch auch Kiefern und Fichten (Baumbrüterpopulation) oder auf Felsen, den Gemäuern alter Burgen und Dächern (Felsenbrüterpopulation). Hier erweisen sich die Adebars als wahre Naturtalente von Baumeistern, die auf den unglaublichsten Stellen ihre Horste errichten zu deren Bau ihnen keiner die Kunst gelehrt hat: Naturtalente.

Doch die natürlichen Nistplatzmöglichkeiten in unserer zivilisatorischen Umwelt sind recht rar geworden, so dass die jungen Adebars auf Nistplatzhilfen angewiesen sind, die sie als Kulturfolger auch gern annehmen und von denen es zahlreiche Konstruktionen mit runder, quadratischer, rechteckiger u. a. Plattformen gibt.

Aber auch unseren Zivilisationsmüll nehmen sie zunehmend nur allzu gern zur Nestauspolsterung ihrer Horste her – Plastikfetzen, Plastiktütenreste, Schnüre u. ä., die den Horstboden gegen Regenwasser abdichten und undurchlässig machen, besonders bei Sturzregen und Dauerregen, so dass keine ausreichende Horstdrainage mehr möglich ist, was zum Absaufen des Horstes mit all seinen katastrophalen Folgen für das Gelege und/oder die bereits geschlüpften Nestlinge führt: Unterkühlung des Geleges und/oder Ertrinken der geschlüpften Brut unter den hudernden Fittichen der Altvögel.

Doch ganz gleich wie die geometrische Form einer solchen Horstunterlage als Nisthilfe auch ist, Adebar lässt sich in seiner Baukunst nicht überlisten und erweist sich besonders hier als perfekter Baumeister. Stets erbaut er seinen Horst kreisförmig wie auch die anderen Vögel ihre Horste und Nester und viele Säuger ihre Baue errichten, ohne Zirkel, Lot und Wasserwage. Verwendet werden die Zweige von Feldgehölzen, Auwäldern, Waldrändern und Hecken. Besonders Weiden- und Pappelzweige und diverse Zweige von Sträuchern, die sich als besonders elastisch erweisen, sind gefragt. Der Grund für die kreisrunde Bauweise ist recht einfach. Ein Kreis mit dem gleichen Umfang wie z. B. ein Quadrat beinhaltet satte 27% mehr Fläche und damit mehr Nistfläche, die immer bei Adebars gefragt ist. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Für die gleiche Nistfläche in einem Kreis werden 27% weniger Nistmaterial gebraucht als für die gleiche Fläche in einem Quadrat. Das vermindert auch die Anzahl der Anflüge mit Horstmaterial zum Horstbau beachtlich. Ein respektables Sparsamkeitsprinzip, wenn man bedenkt, dass alte Horste bis über eine Tonne wiegen konnten, zwei Meter Durchmesser besaßen und auch zwei Meter Höhe erreicht haben.

Das Sparsamkeitsprinzip des Kreisbaues kannte auch schon der Altsteinzeitmensch, der seine Hütten auch kreisförmig errichtete, wie es heute noch afrikanische und südamerikanische Naturvölker, Eskimos und Lappländer praktizieren, die nomadisierenden Völkerschaften.
Eine gegebene Fläche hat also im Kreis ihren kürzesten Umfang.

Tatsächlich aber sind Horste und Nester wie Baue dreidimensionale Gebilde und nähern sich der Form einer Halbkugel. Dadurch wird nochmals ein beachtlicher Teil an Bau- und Nistmaterial gespart und die Anzahl der Flüge zur Beschaffung von Nistmaterial abermals reduziert im Vergleich dazu, wenn der Horst in einer anderen geometrischen Figur erbaut würde.

So wie die Kreisfläche die größtmögliche Fläche bei kleinstmöglichem Umfang darstellt, ist die Kugel derjenige geometrische Körper, der bei kleinster Oberfläche das größtmögliche Volumen beinhaltet. Diese Tatsache spielt in der Natur eine maßgebliche Rolle, so z. B. für die Thermoregulation bei den Tieren und bei der Platz- und Baumaterialienersparnis bei ihren Wohnstätten und deren Statik. Unsere heimische Elster baut ihr Nest kugelförmig, indem sie es durch ein halbkugelförmiges Geflecht überdacht; ähnlich sind auch die Nester der Rauch- und Mehlschwalben konstruiert und zahlreicher anderer Vögel und Tiere.

Allen bekannt ist der Effekt des Aufplusterns der Winterstörche, wo durch den Kältereiz die Piliarmuskeln der Federn angespannt werden und das Gefieder sich aufrichtet. Dadurch wird ein dickeres Luftpolster in das Federkleid eingelagert, und da Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, wird die Abstrahlung von Wärme vermindert. Gleichzeitig nähert sich damit der Storch der Kugelform und vermindert dadurch seine Wärme abstrahlende Oberfläche, und wenn die Storchennestlinge bei kühlem Wetter einmal nicht gehudert werden, rücken sie im Horst mit den Köpfen zur Horstmitte zusammen und bilden so eine "thermoregulatorische Einheit" mit verminderter wärmeabstrahlender Oberfläche.

Das biologische Prinzip des "Einkugelns" aus wärmeregulatorischen Gründen ist, lange bevor es die Technik entdeckt hat, im Tierreich weit verbreitet; am bekanntesten und augenfälligsten z. B. beim Winterschlaf des Igels, der Kältestarre der Schlangen, der Winterschlafkolonie von Bienen oder Fledermäusen oder dem Einkugeln von Hund und Katze, wenn es ihnen zu kalt wird. Wird es wieder wärmer, so liegen sie langgestreckt auf ihren Liegeplätzen und vergrößern damit durch diese Haltung ihre Oberfläche zur umgebenden Luftschicht, so dass sie wieder mehr Körperwärme abstrahlen können und sich kühlen.

Und noch einen anderen entscheidenden Vorteil bringen die Kugel- und Ellipsengestalt mit sich: Eine perfekte Gewölbestatik mit hoher mechanischer Stabilität, selbst bei einem so scheinbar zerbrechlichen Gebilde wie einem Vogelei. Wer sich davon selbst überzeugen mag, vermag einmal zu versuchen, ein Hühnerei entlang seiner Längsachse zwischen den Händen zu zerdrücken. Es ist ein erheblicher Kraftaufwand erforderlich, um das Ei zu komprimieren. Allerdings bedarf es etwas Geschick dazu und man sollte es nicht unbedingt über einem Teppichboden und im Sonntagsgewand ausprobieren.

Auch der Mensch nimmt als Embryo und Föt intrauterin bis zu seiner Geburt diese eingekugelte Haltung, hier besonders aus Platzgründen in der Gebärmutter, ein. Maximales Volmen bei kleinster Oberfläche lautet auch hier das Konzept. Erst nach dem Geburtsvorgang wird diese Haltung aufgelöst.

Auch die Form des Vogeleies ist also der Kugelgestalt entlehnt, doch hier hat die Natur einen Kompromiss geschlossen. Es variiert nicht nur beachtlich in der Größe, von 10 mm Durchmesser beim Kolibri bis zu 150-200 mm Durchnesser bei Nandu und Strauß, sondern auch in der Form von kugelig bis langelliptisch, um im Eileiter des Vogels besser transportfähig zu sein.
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Beitragvon skippy » Sa 2. Jun 2012, 11:55

DAS VOGELEI

Der Weg zum Ei führt über die Eizelle, die in den Follikeln des Eierstockes heranreift, in den oberen Teil des Eileiters freigesetzt wird und dort mit dem Dotter angereichert wird, der dem künftigen Embryo als Energie- und Nahrungsdepot dient. Bei den meisten der Vögel ist der rechte Eierstock und Eileiter aus Gewichtsgründen beim Flug zurückgebildet.

Schon die Masse des Dotters im Verhältnis zur Eimasse lässt erkennen, ob das Ei von einem Nestflüchter oder Nesthocker entstammt. Nestflüchter haben ca. 40%, Nesthocker lediglich ca. 25% Dottermasse. Mit der Dottermasse ist auch der spätere Brutpflegeaufwand für die Altvögel vorgegeben, der bei Nesthockern wie dem Weißstorch wesentlich höher liegt als bei den Nestflüchtern.

Von der Kopulation bis zur Befruchtung der Eizelle im oberen Ende des Eileiters vergehen nur wenige Stunden, bis die Samenzelle die Eizelle dort erreicht hat. Sobald eine Samenzelle in die Eizelle eingedrungen ist, ist diese für weitere Samenzellen nicht mehr durchdringbar. Damit ist die Einmaligkeit der Befruchtung und Erbgutweitergabe besiegelt. Sofort nach der Befruchtung setzen etwa 10 Zellteilungsschritte der Eizelle ein, so dass auf dem Dotter eine Keimscheibe mit ca. 500 bis 1000 Zellen entsteht, die Embryoanlage. Danach erfolgen erst mit Brutbeginn weitere Zellteilungen. Befruchtete Eier sind beim Durchleuchten mit der Schierlampe daran zu erkennen, dass die Keimscheibe Licht absorbiert und daher beim Durchleuchten dunkler als der Rest des Eies erscheint. Eier, die dieses Schattengebilde nicht erkennen lassen, sind nicht befruchtet; sie sind schier. Im Volksmund bezeichnet man die dunkler erscheinende Keimscheibe auch als "Hahnentritt", als Zeichen dafür, dass das Ei befruchtet ist.

Gelegentlich entstehen Eier mit zwei (seltener mit drei) Dottern – Doppeleier. Sie sind befruchtbar, aber meist sterben die Embryonen kurz vor dem Schlüpfen ab. Hier liegen ein- oder zweieiige Zwillinge vor. Solche Eier erkennt man daran, dass sie wesentlich größer als eindotterige Eier sind. Auch Eier ohne Dotter kommen vor; sie beinhalten Luft: die Windeier.

Keimscheibe und Dotter werden am oberen Ende des Eileiters von der Dotterhaut umgeben und die ganze geballte und befruchtete Ladung geht auf Wanderschaft hinab durch den Eileiter in die Kloake, wo die Eibildung abgeschlossen und daraus das Ei gelegt wird. Beim Weißstorch dauert die Zeit von der Befruchtung bis zum Legen des Eies rund zwei Tage, bei älteren Storchenhennen oder schlechtem Nahrungsangebot auch mal drei Tage.

Bereits im oberen Drittel des Eileiters wird der Dotter von einer Eiweißhülle umgeben, die im mittleren Drittel des Eileiters von der inneren und äußeren Schalenhaut umhüllt wird, so dass das ganze Gebilde nicht mehr auseinanderfließen kann. Zwischen Dotterhaut und innerer Schalenhaut spannen sich von Pol zu Pol des künftigen Eies die Hagelschnüre, die den Dotter mit der Keimanlage im Eiweiß schwebend halten und vor Erschütterungen schützen.

Im unteren Drittel des Eileiters schließlich wird dieses Gebilde von einem Kalkbrei umgeben, der durch Auskristallisation zur Eierschale erstarrt. Hauptbestandteil davon ist das Element Calcium, weshalb weibliche Brutvögel daran einen besonders hohen Bedarf haben. Mangelt es an Kalk in der Nahrung oder ist der Vogel erkrankt, so unterbleibt die Ausbildung einer Kalkschale, es entstehen Floß-Eier; die Eier werden nur mit den Schalenhäuten geflößt.

Schließlich bildet sich nach dem Legen des Eies am stumpfen Pol, dort wo später der Kopf des Embryos zu liegen kommt, die Luftkammer. Frisch gelegte Eier schwimmen nicht, sie gehen im Wasser unter, da die Luftkammer klein ist und wenig Auftrieb erzeugt. Je älter ein Ei ist, umso größer wird seine Luftkammer, da es durch Verdunstung Wasser verliert. Alte Eier schwimmen daher im Wasser.

Obwohl der Weißstorch ein imposanter Großvogel ist, sind seine Eier nicht sonderlich groß. 52 mal 72 mm betragen die Durchmesser des Ovoids und das ganze Ei wiegt ca. 115 Gramm. Das hat seine Ursache darin, dass Störche Nesthocker sind und daher eine kleine Dottermasse besitzen.

Brutvögel sind "Großverbraucher" an Calcium während der Legeperiode. Dem Kalkbrei können im unteren Eileiter Farben beigemengt werden, wobei durch die Längs- und Drehbewegung des Eies im Eileiter ganz artspezifische Farben und Farbmuster in den bizarrsten Mustern entstehen, an denen das Vogelei identifiziert werden kann;von homogen gefärbt, gefleckt, geschliert oder bänderartig gefärbt bis gänzlich ungefärbt und daher weiß wie bei dem Weißstorch.

Der Grundfarbstoff für diese Farben entstammt den Abbauprodukten des roten Blutfarbstoffs, des Hämoglobins, und dessen weiteren Abbauprodukten, den Gallenfarbstoffen, zu denen das Oocyan und Protoporphyrin zählen, die von Rot, Gelb, Grün, Blau, Braun bis Schwarz variieren, je nach Mischung der Komponenten bei den einzelnen Vogelarten. Auch Eisenverbindungen als Farbgeber kommen in Frage, besonders die ocker-, gelb-, braun- bis schwarzen Tönungen. Alles farbechte "Ostereierfarben".

Das Ei bietet dem darin sich entwickelnden Embryo alles, was er für seine Entwicklung bis zum Schlüpfen bedarf, denn er ist nicht wie ein Säugetier mit einer Nabelschnur mit seiner Mutter verbunden, sondern nur mit der Dottermasse des Eies. Im Ei erfolgt aber auch schon eine ganz besondere "Prägung" des Embryos durch das umgebende Magnetfeld, die es dem nach drei Jahren maturen Vogel ermöglicht, an seine Wiege und den Horst seiner Erbrütung zurückzufinden; oft sehr zum Ärgernis seiner Eltern. Doch hierauf kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden.
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Beitragvon skippy » Sa 2. Jun 2012, 12:22

GELEGE, BRUT UND SCHLUPF

Nach der biologischen Reihenfolge erfolgt nach dem Horstbau oder dessen Ausbesserung die Eiablage, die im Abstand von 2 (3) Tagen erfolgt, was vom Alter und dem Nahrungsangebot der Störchin abhängt. Sind alle Eier gelegt, so ist das Gelege komplett. Beim Weißstorch beträgt die Gelegestärke – Vollgelege – 3 bis 5 Eier, selten schon mal 6 Eier.

Werden die frischen Eier jeweils gleich aus dem Horst entfernt, so kann die Anzahl der gelegten Eier wesentlich höher liegen als bei einem Vollgelege, da noch weiter gelegt wird. Das macht man sich beim Haushuhn zunutze, dessen gelgtes Ei täglich entfernt wird. Rekord hält ein Haushuhn mit 361 gelgten Eiern pro Jahr).

Bei Störchen kommt es öfter vor, dass durch sogenannte Störer – meist Erstrückkehrer im "Flegelalter" von 3 Jahren, die noch keinen eigenen Horst haben – Gelege anderer Störche zerstört werden. In der Regel erfolgt dann ein Nachgelege durch die Altstörche des geschädigten Horstes, meist aber mit weniger Eiern als das Erstgelege und natürlich mit entsprechendem späteren Schlupftermin. Gelegezerstörungen erfolgen auch, wenn der ungetreue Storchenhahn vor Ankunft der Horstinhaberin sich mit einer Nebenbuhlerin einließ, was oft geschieht, und daraus bereits ein Gelege hervorgegangen ist. Trifft die angestammte Horstbesitzerin nun noch am Horst ein, so wird die Nebenbuhlerin rigoros vertrieben und ihr Gelege über Bord befördert. Nun hat der ungetreue Storchenhahn erneute Arbeit an seiner Angestammten zu leisten, die ihm dann postwendend ihre ureigensten Eier als Gelege präsentiert.

So erging es der Altmeisterin des Südafrikazuges unter den Senderstörchen, "Prinzeßchen von Loburg" 2002, die als echte Südzieherin stets auch eine Spätrückkehrerin war und jedes Jahr 24000 bis 25000 km Zugstrecke zurücklegt. Auch dieses Jahr (2003) hat ihr ungetreuer Galan Jonas, wohl ein feuriger Spanienzieher, sich vor ihrer Rückkehr nach Loburg von einer Nebenbuhlerin verführen lassen, die ihm ein Fünfergelege in den Horst legte, sozusagen als Ostergeschenk. Der Storchenkampf für Prinzeßchen ist damit auch für 2003 schon wieder vorprogrammiert. Man darf gespannt sein, was da bei ihrer Rückkehr nach Loburg geschieht. Noch hat sie ca. 1800 km bis dorthin zurückzulegen, was etwa eine Woche beanspruchen wird, und sie ist für einen solchen Kampf auch nicht mehr die Jüngste. Keiner weiß, woher sie stammt und wie alt sie eigentlich schon ist. (Anmerkung: Prinzesschen ist im Dezember 2006 in der Nähe von Hoopstad/Südafrika verstorben.)

Dass die Osterzeit dieses Jahr genau in die Legeperiode der Weißstörche fällt, hat seinen Grund darin, dass der Ostersonntag stets der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrstag- und Nachtgleiche ist. Da dieser Vollmond auf den 16. April fiel, ist der darauffolgende 20. April der Ostersonntag. Der Mondzyklus bestimmt also nicht die Eiablage, wie manche glauben.

Die Brutdauer ist diejenige Zeit, die vom Bebrüten des ersten Eies bis zum Schlüpfen des ersten oder letzten Kückens, je nach Ansicht der verschiedenen Autoren, vergeht. Deshalb schwanken die Zeitangaben hierzu oft. Für das einzelne Ei jedoch beträgt die Brutdauer 32 Tage. Nicht immer wird bei unseren Störchen ein Vollgelege auch bis hin zum letzten Ei ausgebrütet, besonders wenn eine hohe Gelegestärke vorliegt. Störche merken sehr bald ,wie die Nahrungssituation in ihrem Brutrevier beschaffen ist, und wenn diese knapp bemessen ist, wie dies heutzutage in den kultivierten Biotopen oft der Fall ist, wird das Bebrüten der restlichen Eier eingestellt, so dass Embryonaltod erfolgt. Das ist immer noch besser, als wenn ein starkes Vollgelege erbrütet wird und die zuletzt geschlüpften Kücken als Nesthäkchen bei der Fütterung von den größeren und älteren Erstgeschlüpften abgedrängt werden und verhungern müssen. Aber das ist der Weg der Selektion und Bestandsregulierung, die die Stärke des Brutaufkommens an den Nahrungsbiotop anpasst.

Man kann nicht mehr bebrütete Eier noch vor dem Auskühlen vor dem Verlust bewahren, indem man sie in eine Brutmaschine legt, eine Art Inkubator, und dort weiter erbrütet, um dann jeweils eines der geschlüpften Kücken einigen Storchenpaaren mit zwei Kücken unterzuschieben (Kindesunterschiebung). Es ist auch schon geglückt, Nesthäkchen einem Storchenpaar mit etwa gleichaltrigen Nestlingen zur Weiteraufzucht im Horst unterzuschieben, und das sogar auch bei Schwarzstörchen. Aber man muss sich hierbei immer der Tatsache bewusst sein, dass man damit der Natur ins Handwerk pfuscht und eine Negativauslese betreibt. Schließlich wird sich im künftigen Storchenleben auch nur das durchsetzen und bewähren, was sich bereits im Horst durchsetzen konnte und flügge wurde.

Großvögel, zu denen der Storch zählt, beginnen ihre Brut bereits mit der Ablage des ersten, spätestens des zweiten Eies, im Unterschied zu den Kleinvögeln, die erst bei komplettem Gelege mit der Brut beginnen. Das bringt den Großvögeln zwar den Vorteil, dass die Brut nicht auf einmal explosionsartig schlüpft, sondern zeitlich versetzt nacheinander, und damit der Nahrungsbedarf im Horst nicht schlagartig, sondern relativ langsam ansteigt. Es erfolgt bei den Weißstörchen sozusagen ein etwas verzögerter Synchronschlupf. Es birgt aber den Nachteil in sich, dass die zuletzt geschlüpften Nesthäkchen, wie schon erläutert, meist von den kräftigeren Erstgeschlüpften bei der Fütterung von der Nahrung verdrängt werden und nicht hochkommen. Das ist der Tribut, den der Biotop mit seinen begrenzten Nahrungsquellen und die Natur von den Störchen fordert.

An der Brut wie an der Nestlingsaufzucht beteiligen sich beim Weißstorch beide Geschlechter gleichermaßen; schließlich muss der andere Partner auch seine eigenen Nahrungsbedürfnisse durch Futtersuche für sich und die Jungen befriedigen können, denn Partnerfütterung, wie z. B. beim Habicht, gibt es bei den Störchen nicht.

Für eine erfolgreiche Brut ist optimales Mikroklima hinsichtlich Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftzirkulation/Sauerstoffversorgung in der Nestmulde erforderlich. Stimmen aus irgendwelchen Gründen diese drei wichtigsten Parameter nicht, z. B. wegen mangelnder Horstdrainage, so erfolgt der embryonale Eitod. Die Störche regulieren dieses Mikroklima, indem sie mit ihren Schnäbeln die Horstauspolsterung lockern und durch Stochern mit dem Schnabel in den Horstboden die Nestmulde belüften. In gewissen Abständen werden die Eier mit dem Schnabel gewendet, damit der Embryo nicht mit der Eischale verklebt. Ist ein Ei einmal auf den Horstrand gelangt, wird es gleichfalls mit dem Schnabel in das Nest zurück gerollt.

Innerhalb der 32 Tage Brutdauer ist der Embryo zum Kücken herangereift. Bereits nach ca. 3 Tagen Bebrütung lassen sich mikroskopisch die Anlagen für Gehirn, Rückenmark, Urwirbel mit Kanal, Darmrohr und Herz erkennen, am 5. Tag auch die Augen, und ein ausgedehntes Venensystem durchzieht den Dotter um den Embryo, das ihn mit Nahrung, Bau- und Energiestoffen aus dem Dotter versorgt. Nach 32 Tagen ist aus dem ca. 115 Gramm schweren Ei ein ca. 85 Gramm wiegendes schlupfreifes Storchenkücken geworden. Der Rest des Dottersacks und der Nabelschnur, mit der der Embryo mit dem Dottersack verbunden war, werden in den Bauchraum eingezogen und resorbiert.

Nun beginnt die schwere Arbeit des Schlüpfens, was mehrere Stunden dauert, bei dem sich das Kücken aus dem Ei befreit. Schon lange vor dem Schlupfakt stand das Kücken in Lautkontakt mit einem seiner Eltern und meldete quasi seine Ankunft und Dasein an, doch aus der Eierschale befreien muss es sich selbst. Keiner der Storcheneltern hilft ihm dabei. Die vorausschauende Mutter Natur hat ihm dazu ein Werkzeug mit auf den Weg gegeben, um der Dunkelheit zu entschlüpfen und an das Licht der Welt zu gelangen: den Eizahn.

Der Eizahn, ein unscheinbares Gebilde an der Spitze des Oberschnabels, ist der einzige Zahn, den die Natur bei der Evolution der Vögel ihnen belassen hat. Schon bald nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat und den Weg in die Welt der Störche eröffnete, trocknet er ein und fällt ab. Mit Hilfe dieses Zahnes wird die Eischale Millimeter für Millimeter am stumpfen Pol des Eies, dort wo der Kopf des Kückens liegt, durchbrochen. Millimeterweise drückt das Kücken damit keilförmige Stücke aus der Schale heraus, wobei es sich um seine Längsachse dreht, bis durch die ganze 360-Grad-Drehung der stumpfe Pol des Eies abgelöst ist. Dann schiebt es sich mit seinen Beinchen aus dem Rest der Eischale heraus, um das Licht dieser Welt zu erblicken. Eierschalen von geschlüpften Vögeln kann man daran erkennen, dass der stumpfe Pol des Eies kreisförmig und sägezahnartig vom Rest des Eies abgetrennt ist. Sieht der Schalenbruch anders aus, so war das Ei anderweitig zu Bruch gegangen, wie z. B. durch Nesträuber wie Krähen, Elstern oder Marder.

Nur die elterliche Brutpflege vermag aus diesen frisch geschlüpften Storchenkücken auch das zu machen, was sie einmal werden sollen: rechte Störchli. Der erste Schritt dazu ins Storchenleben ist die Elternprägung. Ahnungslos schlüpft das Kücken aus der Geborgenheit des Eies, der Mutter Natur Schoß heraus und wird schlagartig in eine Welt versetzt, in der es für das Kücken nicht allzu rosig zugeht. Ist es Anfangs der Hungertrieb, der sie alle an die Schnäbel der Eltern treibt, die ihnen alles geben, was sie zum Gedeihen brauchen, so entwickelt sich im Horst schon bald eine Art Futterneid, der dazu führt, jedem Artgenossen das Futter streitig zu machen und zum Abdrängen der schwächeren Geschwister führen kann, so dass diese verhungern.

Dieser gesunde Selbsterhaltungstrieb entwickelt sich also schon beim Nestling im Horst und ist außerhalb des Horstes bei der künftigen Futtersuche lebensnotwendig. Andernfalls würden Andere dem Störchli sein Futter vor dem Schnabel wegfressen. Und was so ein rechtes Störchli ist, das schirmt sein Futter später auch noch energisch gegen die Anderen durch Schirmen der Flügel über seinem Futter ab. Damit ist
unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass es von dem Futter Besitz ergriffen hat.

Unscheinbar sieht es aus, so ein frisch geschlüpftes Kücken: schlank, feucht-glänzend und glatt, und erst durch das Hudern des Kückens unter den Fittichen der Eltern beginnt es langsam zu trocknen und sich die flaumigen Dunenfedern aufzubauschen, so dass es einem großen, weichen und flauschigen Federbällchen gleicht, bei dem sich der Laie oft wundert, wie denn ein "so großes Kücken" in das kleine Ei passen konnte.

Der Schlupf erfolgt in aller Regel im Abstand von 2 (3) Tagen in der Reihenfolge der Eiablage und entsprechend der Brutdauer von 32 Tagen. Der Storch ist zwar ein Nesthocker, schlüpft aber dennoch nicht völlig nackt, wie es für einen Nesthocker typisch ist, sondern in einem Dunenkleid. Wegen dieser Dunenbefiederung werden die geschlüpften Vögel auch "Pulli" genannt. Einen Synchronschlupf, bei dem alle Kücken eines Geleges an 1 – 2 Tagen schlüpfen, unabhängig von der zeitlichen Reihenfolge der Eiablage, gibt es beim Weißstorch nicht. Bei einem 5er-Gelege zieht sich die Schlupfphase daher über 8 – 10 Tage hin. Synchronschlupf ist typisch für Nestflüchter wie Hühner-, Gänse- und Entenvögel oder z. B. den Kiebitz. Er besitzt den für die Nestflüchter (z.B. Graugänse) großen Vorteil, dass alle Kücken eines Geleges sofort von den Elterntieren zusammen geführt werden können.

Laufen und Stehen kann das frisch geschlüpfte Storchenkücken noch lange nicht. Von seinem Schlupf an sitzt es bis Ende der dritten Woche auf seinen Fersen, wobei die Läufe, der Tarsus, rechtwinklig nach vorn gegen den Unterschenkel abgewinkelt sind, so dass es wie auf zwei Schlittenkufen im Horst hin- und herrutscht. Erst nach der dritten Woche richtet sich das Intertarsalgelenk auf und das Kücken lernt Stehen. Um auf einem Bein zu stehen, bedarf es aber noch einiger Übung, und bis zum Fliegen sind es nur ganze 8 Wochen seit dem Schlupf. Die Beinkonstruktion der Vögel ist ein technisches Wunderwerk; so einfach wie sie ist, so genial ist sie auch.
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Beitragvon skippy » Sa 2. Jun 2012, 19:21

DIE PRÄGUNG

Ohr, Auge und Kehlorgan sind die ersten Sinnes- und Kommunikationsorgane, die für die Prägung empfänglich sind. Lange bevor sich das Auge des Kückens nach dem Schlupf öffnet, ist schon sein Ohr im Ei empfangsbereit. Sie sind die wichtigsten Sinnesorgane für die Prägung des Kückens und schon im Ei, lange vor dem Schlupf, besteht Lautkontakt zu den Eltern, die ihnen nach dem Schlupf als prägendes Vorbild dienen. Jeder, der einmal selbst Hühner oder anderes Geflügel gehalten hat, kennt das Phänomen, wenn die Kücken vor dem Schlüpfen im Ei ihre piepsenden Laute von sich geben, damit ihr Kommen ankündigen und die Glucke darauf antwortet.

Schon bald nach dem Schlupf öffnen sich die Augen, auch bei den Störchen, und die Elterntiere werden gründlich beäugt: die Eltern- und Artenprägung. Das nach dem Schlüpfen unmittelbar erfolgende Hudern – das "unter die Fittiche nehmen" - der Kücken zum Trocknen, Schutz vor Kälte, Wind und Regen oder gar zu heißer Sonne, ist ein wesentlicher Bestandteil im Sozialverhalten während der Prägephase. Es erfolgt bis etwa Ende der zweiten Woche (12 – 14 Tage), wenn die Federkiele hervorzuschießen und aufzuplatzen beginnen, das beginnende "Igelstadium". Dann sind die Kücken zum Hudern schon zu groß und passen nicht mehr alle unter die Fittiche. Sie wärmen sich als "sozialer Verband", indem sie sich im Horst aneinanderschmiegen.

Die Prägephase ist eine spezielle sensible Phase, in der die Sinneswahrnehmungen der Kücken für bestimmte äußere Eindrücke/Reize besonders sensibel sind, und diese Eindrücke im Gehirn bleibend gespeichert werden. Sie sind daher irreversibel und damit zeitlebens verankert. Entfernt man die Kücken rechtzeitig aus dem Horst und trennt sie von ihren Eltern, so können sie auch auf andere Vögel oder Tiere, den Menschen, ja sogar auf tote, sich bewegende Gegenstände, wie z. B. einen rollenden Ball oder ein UL (Ultraleichtflugzeug) geprägt werden, dem sie dann nachlaufen oder nachfliegen, die sog. Nachlaufprägung. Solche Prägungen werden als Fehlprägung bezeichnet. Sie erfolgen meist gezielt durch den Menschen, veranlasst oder unbewusst, z. B. bei Jungtierfütterungen. Für Wildtierbetreuer ist es daher absolut verpönt, Beziehungen seiner Person zum Wildtier aufzubauen, um Fehlprägungen auf den Menschen zu vermeiden. Gerade die Fütterung von Jungtieren hat einen enormen Prägewert.

Füttern nutzt den Hunger des Tieres und seinen Nahrungstrieb als natürlichen Selbsterhaltungstrieb zur Prägung aus, denn Hunger tut auch den Tieren weh und macht sie leidend. Dann kommt auch das so scheue Reh und wie früher auch der Wolf in harten Wintern in die Gärten der Dorfschaften. Das Zutrauen von Wildfängen gewinnt der Mensch u. a. unter Ausnutzung des Hungers, bis sie schließlich halbzahm oder zahm werden und ihm vertrauen; ganz nach dem Motto: wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Auf in der Jugendzeit erfolgten Fehlprägungen und dem Fütterungsprinzip als Belohnungsakt beruhen u. a. zahlreiche Tierdressuren.

Das gesunde Misstrauen der Tiere, das sie ja in der freien Natur besitzen müssen, um vor ihren biologischen Feinden auf der Hut zu sein, wird dadurch gebrochen. Die Fluchtdistanz wird Null; ein Verhalten, was dem Tier in freier Wildbahn das Leben kostet.

Aber unsere Störchli haben sich trotz jahrtausendealter Kulturfolge eine gesunde Fluchtdistanz gegenüber dem Menschen bewahrt, und auf ihren Horsten wissen sie sich vor ihnen sicher. Eine lebensnotwendige Prägung ist die Biotop- und Heimatprägung, die es dem künftigen Vogel ermöglicht, für Horstbau und Brut den richtigen Biotop mit den richtigen Nahrungsvorkommen zu wählen, und um schließlich auch die geeigneten Nahrungsquellen und Beutetiere kennenzulernen. Für einen Nesthocker wie die Störchlis tut sich die Welt erst dann für sie auf, wenn sie ihr Köpfchen heben und erstmals über den Horstrand blicken können bis zum Horizont. Was dahinter liegt, erfahren sie erst, wenn sie flügge sind.

Die Zeitspannen für die einzelnen Prägungen, in denen die Tiere dafür empfänglich sind, sind recht unterschiedlich und reichen von oft nur wenigen Stunden nach dem Schlupf – z. B. die Nachfolgeprägung bei Stockenten mit nur 8 – 24 Stunden nach dem Schlupf – bis zu mehreren Wochen bei der Sexual- und Geschlechterprägung. All diese Prägungen sind obligate Lernvorgänge, da sie durch das Horstgeschehen, die Ereignisse und Abläufe im Horst und bei den Nestflüchtern durch die Führung der Jungen durch die Altvögel, von den Kücken unausweichlich wahrgenommen und erlebt werden und bei ihnen dadurch selbst herangebildet werden. Im Unterschied dazu stehen die fakultativen Lernvorgänge, die z. B. der Jungstorch durch seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen nach dem Verlassen des Horstes ohne Vorbildwirkung der Eltern im Laufe seines Lebens machen wird. Es ist ein ständiger Lernprozess.

Eine „Prägung“ besonderer Art ist die Magnetfeldprägung des Brutortes, bei der die zentrale Rolle das überall vorkommende unscheinbare Eisen spielt. Schon im Ei ist die notwendige Menge an Eisen vorhanden, die das Kücken braucht, um z. B. den roten Blutfarbstoff Hämoglobin zu bilden. Aber Eisen wird auch für das künftige Orientierungssystem im Magnetfeld der Erde benötigt. Vom Bakterium aufwärts durch die ganze evolutionäre Entwicklungsbahn bis zum Gehirn der Säuger ist dieser magnetische, auf Eisen beruhende Orientierungssinn zu finden.

Durch die Lebewesen wird das unscheinbare Eisenion in deren Zellen zu einem wahren Wunderkristall umgebildet, der aus zwei Untergittern mit zwei- und dreiwertigem Eisenoxid besteht. Dem Bergmann ist es als Magneteisenstein oder Magneteisenerz bekannt, dem Schmied als Hammerschlag, dem Chemiker als Eisen-2, 3-Oxid und dem Geologen als Magnetit. Es entsteht in der anorganischen Natur wie in belebten biologischen Systemen aus Eisen bei Sauerstoffunterschuss, wie er auch im Storchenei vorherrscht. Der Magnetit hat eine hervorragende, sich selbst organisierende Eigenschaft, die Kristallbildung. In den Gehirnen liegt er als Mikrokristall in den Nervenzellen vor, auch beim Menschen, und seine bestechendsten Eigenschaften sind, dass er ferrimagnetisch ist und Halbleitereigenschaften besitzt. Nicht gerade vorteilhaft für Handybesitzer. Von den Biologen und Medizinern neuerdings als Biomagnetit bezeichnet.

Allein schon die Tatsache, dass in diesem Magnetitkristall das Eisen sowohl in zwei- wie auch in dreiwertiger Form nebeneinander vorliegt, also in reduzierender wie auch oxidierender Form, ist so phänomenal, dass die Physiker hierbei in ernste Erklärungsschwierigkeiten geraten und die Wertigkeit des Eisens im Magnetitkristall nach den Mössbauerspektren formell mit 2,5 annehmen, was nur durch ein lebhaftes „Elektronenhopping“ erklärbar wird.

Entsteht ein solcher Magnetitkristall, so ordnen sich seine Elementarmagnete, die Elektronenspins oder auch Magnetone genannt, im Kristall in bestimmten geordneten Bezirken an, den Weiß´schen Bezirken oder magnetischen Domänen, die durch die Blochschen Wände voneinander getrennt sind. Geschieht diese Kristallbildung in einem Magnetfeld – und das ist stets der Fall, da das Erdmagnetfeld allgegenwärtig ist – so richtet sich ein Teil dieser Domänen je nach vorhandener Magnetfeldstärke in Richtung der Magnetfeldlinien aus, wodurch deren vorhandene Feldstärke gespeichert wird. Selbst wenn dieses äußere Magnetfeld, das dem jungfräulichen Kristall seinen Stempel aufdrückt, sich abschwächt oder gänzlich schwindet, bleibt dieser einmal gespeicherte Magnetismus im Kristall „eingefroren“ als Remanenz erhalten und damit gespeichert, so dass er für Orientierungsmechanismen verfügbar ist. Was sich also da in einem Vogelei während der Embryonalentwicklung und der schon früh einsetzenden Gehirnentwicklung abspielt, in der Millionen dieser Magnetitmikrokristalle gebildet werden, kann man heute vorerst nur erahnen.

Bei einer Magnetfeldstärke von 300 mT (Millitesla) sind alle Domänen des Magnetits in Feldrichtung ausgerichtet, er ist gesättigt. Eine weitere Erhöhung der Magnetfeldstärke kann also keine weitere Ausrichtung der Elementarmagnete bewirken. Doch solche Magnetfeldstärken herrschen auf der Erde nicht. Sie schwanken zwischen 35.000 nT (Nanotesla) am Äquator und 70.000 nT an den Polen. Je nach magnetischem Grad der Sättigung, die der Magnetitkristall am Ort seiner Entstehung erhalten hat, sind also unterschiedlich viele Domänen im Kristall in Richtung des prägenden Magnetfeldes ausgerichtet worden; und damit ändern sich auch seine elektrischen Halbleitereigenschaften und Ströme, die die Zellmembranen von Gehirnzellen/Neuronen und anderen Gewebezellen elektrisch aufladen, polarisieren oder depolarisieren, was zur Abgabe von elektrischen Steuerimpulsen aus der Zelle führt. Die Nervenzelle feuert ihre Signalimpulse. Jeder kennt diese elektrischen Phänomene lebender Zellen vom EKG (Elektrokardiogramm), Myogramm oder EEG (Elektroencephalogramm) u. a. Jede einzelne Zelle baut hier ihr Spannungspotential auf, aber diese Ableitungsverfahren liefern nur ein summarisches Bild der elektrischen Aktivität einer Millionenanzahl von Zellen und nicht das einer Einzelzelle. Es ist nur ein grobes Abbild der Natur, was wir hier erhalten, ein Integral aus Milliarden von Zellen.
In unseren Breiten herrschen Erdmagnetfeldstärken von ca. 45.000 bis 50.000 nT. Ein Biomagnetitkristall, der sich hier bildet, „friert“ diese Feldstärke durch die Anzahl der in Feldrichtung ausgerichteten Domänen ein, eine Tatsache, die Geologen schon seit mehr als 70 Jahren vom Geomagnetismus der Gesteine her kennen. Mit diesem „Einfrieren“ ist ein- für allemal die für einen geografischen Breitengrad typische Magnetfeldstärke und damit die Breitenkoordinate im Magnetitkristall geprägt worden. Es bleibt die Bestimmung des Längengrades hier offen.

Aber jedem Ornithologen ist bekannt, dass sich Vögel auch nach dem Stand der Sonne orientieren, sofern es Tagzieher sind wie die Störche, oder nach dem Gestirn, wenn es Nachtzieher sind. Das Licht ist der weitere dominierende Faktor zur Flugorientierung. Doch diese Frage kann hier nicht mehr weiter erörtert werden, da sie das Thema überschreitet. Nur soviel: Jeder alte Seemann weiß, dass der Längengrad nach der Zeit bestimmt werden muss, ein altes Problem der Seefahrt aus vergangenen Jahrhunderten, aber sie haben es gemeistert, ohne exakte Uhren, ja gänzlich ohne Uhren! Woher aber weiß nun auch der Storch und der Zugvogel seine Zeit?

Nun, Jeder kennt solche magnetischen Speichermedien vom Tonband, Videoband, der Diskette oder der Festplatte vom Computer. Sie alle beruhen auf der ferrimagnetischen Eigenschaft von Magnetit oder seinen Derivaten, den Ferriten. Aber noch hat uns der Magnetitkristall nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben, die wir alle nichtsahnend seit Äonen mit uns herumtragen. Die meisten Tiere, so auch die Zugvögel und Störche, vermögen die Eigenschaften dieses Kristalls für das entwicklungsgeschichtlich uralte Orientierungssystem als Basis für die Zug- und Wanderungsorientierung zur Heimfindung an ihre Brutreviere und Horste zu nutzen.

Beim Menschen ist diese Fähigkeit offenbar im Zuge der Evolution verlorengegangen. Magnetfeldorientierungen sind bei fast allen Tierfamilien mit ihren Gattungen und Arten bekannt geworden, ob Wale, Krebse, Lachse, Termiten, Magnetobakterien u. a. Das Interesse hieran ist sehr groß geworden, so dass die Forschungsergebnisse hierzu von gewissen Kreisen hinter sieben Siegeln verwahrt werden. Wer sich einen Nobelpreis erringen mag kann sich hier mal versuchen: Biologische Navigationssysteme. Das mag hierzu auf diesen Seiten genügen.

Und zum Schluss des Kapitels Prägung sei noch angeführt, um den Faden zu unseren Aves nicht gänzlich zu verlassen, dass es auch eine motorische Prägung gibt: die Gesangsprägung. So genannt, weil die in der Jugend zunächst im Gehirn nur gespeicherten Strophen und Melodien später in akustische Lautgebung durch den Kehlkopf umgesetzt werden. Die Störchlis singen zwar nicht wegen ihres nicht ausgebildeten Kehlkopfes, sondern klappern nur, aber das sollen sie schon im Ei lange vor dem Schlupf von ihren Eltern gehört haben, so wie der Singvogel den Gesang seines Vaters. Und vom Vater lernt der männliche Singvogel auch den Gesang der Strophen, lange bevor er überhaupt selbst singen kann. Der junge männliche Singvogel singt zwar nicht im Jahr seiner Erbrütung, sondern erst 6 – 8 Monate später, im kommenden Frühjahr. Bis dahin hat er die geprägten Strophen seines Vaters in seinem kleinen Köpfchen gespeichert und schmettert sie dann munter und perfekt von sich, ganz nach dem Motto: „So wie die Alten sungen, so zwitschern es die Jungen“.


Ergänzung auf Anfrage v. 20.05.2003:

Amselstrophen/Melodien gibt es nahezu soviel, wie es Amselhähne gibt, und keine Melodie gleicht der anderen, wie man in Sonagrammen leicht nachweisen kann, da kein Amselhahn die gleichen Strophen und Melodien flötet wie sein Artgenosse. Daher lernen die jungen Amselhähne auch jeweils andere Strophen von ihren Vätern. Amseln ahmen oder imitieren aber auch oft Passagen aus Gesängen von anderen Vogelarten nach, die sie in ihrem späteren Leben kennenlernen und erlernen, indem sie Lautäußerungen anderer Arten in ihren Gesang einbauen – Spottgesang – oder Fremdimitation. Deshalb ist Amselgesang so bunt und vielfältig. Besonders bekannt ist dies von den Gelbspöttern und den Sumpfrohrsängern.

Eichelhäher ahmen z. B. viele Rufe anderer Vogelarten nach, die in und um ihr Revier leben, und der Graupapagei ist dafür bekannt, dass er menschliche Worte und kürzere Sätze, die man ihm vorspricht, nach einiger Übung perfekt nachplappert, weshalb Menschen, die stereotyp sich an die Worte ihrer Vorredner anschließen, auch scherzhaft als „Papageien“ bezeichnet werden. Auch unsere heimischen Stare sind darin sehr lernfähig. Das alles aber sind fakultative Lernvorgänge, die der Vogel, hier die Amsel, ohne Vorbild seiner Eltern erst im Laufe seines weiteren Lebens erlernt.
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Beitragvon skippy » Sa 2. Jun 2012, 20:05

GEFAHREN IM HORST

Mit der Ablage des Geleges entstehen auch schon die ersten Gefahren für den künftigen Nachwuchs. Obwohl Horst und Gelege mit Argusaugen bewacht werden, sind sie nicht gänzlich vor Nesträubern und Eierdieben sicher. Krähen und Elstern, aber auch Marder und Ratten als gewandte Kletterer gehören dazu und können ein ganzes Gelege vernichten. Aber auch die jungen Kücken sind vor Marder und Ratten nicht sicher, wobei die Ratte die Kücken bei lebendigem Leib frisst. Von den Ratten ist bekannt, dass sie sich als Untermieter in tiefen Horstböden einnisten, unerreichbar für den Schnabel eines Altstorches, der sie mit einem einzigen Hieb ins Jenseits befördern könnte.

Bei Störchen brüten beide Geschlechter im Wechsel. Kehrt ein Altstorch wegen einer Verletzung nicht mehr zur Brutablösung zurück, so ist das Gelege verloren, denn der brütende Storch muss früher oder später zur eigenen Nahrungssuche den Horst verlassen, was ca. 60 bis 90 Minuten beansprucht, so dass das Gelege auskühlt und die Embryonen absterben.

Die zunehmende Vermüllung der Horste durch unseren Zivilisationsmüll wie Plaste-, Stoff- und Papierfetzen birgt die Gefahr in sich, dass der Horstboden verdichtet wird und bei Dauerregen oder starkem Sturzregen keine ausreichend schnelle Wasserdrainage mehr ermöglicht, so dass er sich in ein schwammartiges Gebilde verwandelt, vollgesaugt mit Wasser. Er säuft ab. Da die Kücken bis etwa den 12. Tag gehudert werden, aber ihre Köpfchen noch nicht heben können, ertrinken sie unter den Fittichen des Altvogels. Gefördert wird die Vermüllung der Horste noch dadurch, dass der Storch ein Kulturfolger ist und besondere Vorliebe für Mülldeponien entwickelt, denn schon lange haben die Adebars herausgefunden, dass es dort auch Futter gibt, zumal der Storch auch Aasfresser ist.

Wenn die Kücken ab dem 12. Tag nicht mehr gehudert werden, sind Regen, Wind und Kälte ihre ärgsten Feinde, da sich ein schützendes Federkleid aus Deckfedern erst bis Ende der fünften Woche ausbildet. Sie durchnässen und unterkühlen, was zu dem gefährlichen Zustand der Verklammung führt. Werden sie sofort ausgehorstet und über Nacht in einen warmen Raum zum Abtrocknen gebracht, überstehen sie diesen Zustand. Im Morgengrauen werden sie wieder in den Horst gesetzt und die Adebars sind wieder zufrieden.

Gegen Horststörungen, wie etwa Greifvögel, reagieren die Kücken durch einen Totstellreflex, die Akinese, in der sie bis zum Verzug der Gefahr in völliger Bewegungslosigkeit verharren. Das Prinzip beruht darauf, dass Bewegung des Beutetieres beim Beutegreifer den Beute- und Jagdtrieb auslöst, die Akinese ihn aber abklingen lässt. Wer vor einem verteidigungsbereiten Hund, Wolf oder Bär wegläuft, löst nicht nur dessen Angriff aus sondern auch noch dessen Hetztrieb. Hunde zeigen z. B. untereinander ein der Akinese ähnliches Verhalten, indem der angegriffene Hund sich auf den Rücken legt und eine Demuts- oder Unterwerfungspose einnimmt, die den Angreifer sofort abstoppt.

Beobachtet werden kann der Akinesereflex z. B. bei der Beringung der Jungstörche im Horst, aber auch bei den Beringungen zahlreicher anderer Vögel, auch Altvögel und unter den Singvögeln. Der Akinesereflex kann auch künstlich ausgelöst werden, wenn man den Vogel rasch mit etwas Geschick auf den Rücken legt. Besonders gut funktioniert das bei Haushühnern, wo wir als Buben, sehr zum Ärgernis unserer Eltern, oft den halben Hühnerhof im wahrsten Sinne des Wortes „lahm legten“ und für unsere vermeintliche Großtat statt der erhofften Lorbeeren nur die Schelte unserer Eltern ernteten.

Nicht zuletzt führt auch der sogenannte „Futterneid“, der nichts anderes als der Selbsterhaltungstrieb ist, im Horst zu Verlusten an Nestlingen, indem der oder die Kleinsten und Schwächsten, die Nesthäkchen, von ihren Geschwistern vom fütternden Schnabel der Eltern beständig abgedrängt werden. Bei der Futterverteilung können sie sich gegen ihre kräftigeren Geschwister schließlich nicht mehr durchsetzen. Sie gelangen dadurch mehr und mehr in Entwicklungs- und Gedeihstörungen, bis sie letztlich so zurückgeblieben sind, dass sie im Horst praktisch zum Fremdkörper werden und schließlich verhungern. So fordert der Storchenbiotop seinen Tribut von den Störchen ein, die mit einem Zuviel an Nachwuchs diesen mit dem Tod von Küken bezahlen müssen.
Die Situation entsteht dadurch, dass nicht genügend Nahrung angeboten werden kann, weil der Biotop nicht mehr hergibt und die kräftigeren Nestlinge dadurch ständig nach Futter betteln und lahnen. Wären diese voll gesättigt, so nähmen sie angebotenes Futter nicht mehr auf und blieben ruhig, so dass das Nesthäkchen noch eine Chance hätte, Futter zu bekommen. Nicht umsonst gelten das Vorkommen von Störchen und ihre Anzahl in einem Biotop als „Bioindikator“ für die Bonität eines vorhandenen Biotops mit seinen Nahrungsketten.

Ein prachtvolles und seltenes 6-er-Gelege erweckt zwar so manche Hoffnungen auf ein hohes Brutaufkommen, doch die Altstörche vermögen recht rasch die Nahrungssituation im Brutbiotop einzuschätzen, und erfahrene Altstörche brüten daher nicht alle Eier des Geleges aus, sondern stellen die Brut nach dem Schlupf der dem Biotop angemessenen Anzahl an Kücken ein. Das Einstellen der Brut vor dem Schlupf des letzten Kükens führt zwar zu Embryonenverlusten, erhöht aber die Chance für das Überleben der Geschlüpften. Nicht das Maximum an Nachwuchs ist die Devise, sondern das Optimum, das an die Nahrungsresourcen angepasst ist. Extremwerte sind immer labil. Wer sich von den Störchen nicht daran hält, zahlt unweigerlich den Tribut an den Biotop mit dem Tod von Nachkommen.


HORSTVERMÜLLUNG

Natürlich kann man aus vermüllten Horsten den Müll entfernen; bei denjenigen Horsten, wo die Störche beringt werden und den meisten betreuten Videohorsten wird das ohnehin getan. Aber nicht immer steht eine Hebebühne zur Verfügung und viele Horste, besonders bei Baumbrütern, sind für eine Hebebühne geländemäßig gar nicht zugänglich. Solche Horste müssen bestiegen werden mit Forststeigeisen, Klettergeschirr und Seil, nicht ganz ungefährlich. Aus Sicherheitsgründen gehören da mindestens zwei Personen dazu.

Wer soll da die 120 Horste in Bayern oder die 80 Horste im Spreewald besteigen? Wir haben mit 8 Schwarzstorchhorsten voll zu tun, um sie im zeitigen Frühjahr zu sanieren und gegebenenfalls vor dem Absturz zu schützen, ohne den Luxus einer Hebebühne, nur mit Geländewagen und Klettergeschirr! Das ist Knochenarbeit, zeit- und kostenaufwändig, besonders wenn die Horste 20 – 30km auseinander liegen.

Die vernünftigste Lösung ist, Müll gar nicht erst in die Umwelt gelangen zu lassen, denn keineswegs stammt der Horstmüll nur von den Mülldeponien. Müll liegt überall herum, besonders auch in unseren Wäldern, die Manche als Müllhalde betrachten. Man darf da nicht nur die paar Webcamhorste sehen; draußen sieht das ganz anders aus als vor dem Monitor.


ZUFÜTTERUNG UND HORSTSANIERUNG

Eine unberührte Natur und damit einen unberührten Biotop gibt es auf dieser Erde so gut wie nicht mehr, zumindest nicht mehr in Europa. Das, was unsere Störche hier vorfinden, sind alles Sekundärbiotope, also vom Menschen geschaffen, in denen die Lebensräume der Störche, ihre Habitate, immer mehr eingeengt und geschmälert wurden. Das betrifft weniger die Nistmöglichkeiten des Weißstorches als Kulturfolger, sondern vor allem seine Nahrungsbiotope, die vordergründig im Brutgebiet Feuchtbiotope sind.

Grundsätzlich richtet sich der Bestand einer Art vor allem nach den vorhandenen und verfügbaren Nahrungsquellen. Die Populationsstärke kann nur so hoch sein, wie alle ihre Mitglieder auch ausreichend Nahrung finden können. Sie regelt sich daher durch erhöhte Sterblichkeit selbst ein, wenn erhöhtes Brutaufkommen oder Überbestand gegeben sind, denn die verfügbaren Nahrungsquellen begrenzen Nachwuchs und Bestand nach oben hin. Der Bestand passt sich also den vorhandenen Nahrungsressourcen eines Biotops und Habitates an. Wo nicht der passende Biotop existiert, dort lässt sich auch kein Storch nieder, selbst wenn die ihm gebotene Nisthilfe als Kunsthorst dort noch so schön sein mag. Was nützt ihm eine Villa, auf deren Grund es nichts zu futtern gibt.

Nur, wenn wir eben immer mehr Biotope zerstören, z. B. durch Trockenlegung von Feuchtgebieten, dann können die Störche auch nur immer weniger Nachwuchs hochbringen, denn von Luft, Liebe und Geklapper werden die Nestlinge nicht satt. Mit Zufütterung kann man zwar schon eine starke Brut über einen zeitweiligen Nahrungsengpass bringen und das Brutaufkommen dadurch erhöhen, aber langfristig betrachtet bringt das natürlich nichts. Selbst wenn dadurch die Rückkehrquote der geschlechtsreifen Störche von 15 – 20% theoretisch auf 20 – 25% erhöht werden würde, wo sollte dann der so vermehrte Storchenbestand das Futter künftig herbekommen, wenn es der geschrumpfte Biotop ihnen nicht geben kann? Die Nestlingssterblichkeit würde wieder ansteigen und es müsste zur Vermeidung dessen wieder – diesmal aber noch mehr – zugefüttert werden, womit wir dann bei der „Verhausschweinung“ angelangt wären. Zufütterung bei Nestlingen kommt schon einer Handaufzucht nahe und ersetzt auch nicht das spezielle Futter, das Nestlinge brauchen. Beim Schwarzstorch, der nicht Kulturfolger wie der Weißstorch ist, wäre Zufütterung schon gar nicht praktikabel, da er sehr scheu ist.

Durch Fütterung kann man eine Art nicht erhalten und auch keinen Bestand dauerhaft erhöhen. Sie bleibt dem Einzelfall vorbehalten. Der Schwerpunkt ist und bleibt der Biotopschutz, und auf die gegebenen Biotope reguliert sich der Storchenbestand dann schließlich ein. Nur geht das nicht von heute auf morgen. Biotopschutz, -erhaltung und -erweiterung, den Tieren das wieder herstellen was wir ihnen genommen und zerstört haben, darauf muss die langfristige Orientierung gerichtet sein. Dann werden sie uns auch zu unser aller Freude mit ihrem Dasein weiter beglücken und ihren Bestand vergrößern können.
Was die Sanierung von Horsten betrifft, da sollte man immer wo man kann dies tun, denn unser dort angeschleppter Zivilisationsmüll verrottet im Unterschied zu biologischem Nistmaterial nicht oder nur langsam und sammelt sich deshalb im Horst an mit all seinen bislang bekannten Gefahren für die Nestlinge. Deshalb gilt es, Müll gar nicht erst in die Umwelt gelangen zu lassen.
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Beitragvon skippy » So 3. Jun 2012, 12:05

HORSTPFLEGE UND BRUTHYGIENE

Was so ein rechtes Störchli ist, das kennt keinen 8-Stundentag und ist vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung – ganz im Banne der Sonne und des Lichts – voll beschäftigt. Von der Ankunft bis zum Abzug wird immer wieder mal der Schnabel mit Reisern bepackt und am Horst gewerkelt, der im Laufe der Jahre in die Höhe getrieben wird, so dass er gelegentlich zu einem stattlichen Gebilde und tonnenschwer werden kann. Kunstvoll werden die Zweige ineinander geschoben oder als Arkaden/Bögen aufgestellt, die sich im Laufe der Zeit zur Horstaußen- oder Innenseite umlegen. Horstausbau und Ausbesserung ist eine ständige Aufgabe, denn sie dient der Sicherung der Brutstätte, ohne die es keinen Nachwuchs gibt. Horste sind stets begehrte und daher heiß umkämpfte Plätze, besonders von den erstmals von Süden zurückkehrenden Jungstörchen, die ja noch keinen eigenen Horst besitzen, bräuchten sie ja dann im Eroberungsfalle nicht erst einen eigenen Horst zu errichten. Da lohnt sich offenbar schon einmal eine Attacke auf einen Horstbesitzer.

Gleich nach dem Schlupf werden die Eierschalen entfernt, die über den Horstrand befördert werden. Als Fleischfresser besitzt der Storch einen kurzen Darm mit rascher Verdauung. Sein Kot ist dünnbreiig und wird als Geschmeiß bezeichnet im Unterschied zu dem walzenförmigen Kot der Pflanzenfresser, wie Gänse, der als Gestüber bezeichnet wird. Das weiße Geschmeiß der Vögel verrät oft ihre Horste und Schlafbäume, auf denen sie Nachts über aufbaumen.

Horste, die längere Zeit nicht in Gebrauch waren, vergrasen. Das liegt daran, dass verfaulendes Nistmaterial, Nahrungs- und Kotreste einen idealen Nährboden durch die vom Wind angeflogenen Samen darstellen. Es sind schon kleine Bäumchen auf Horsten gewachsen. Hier kann das Störchli selbst keine Abhilfe schaffen, es überbaut einfach den verwachsenen Horst, wodurch dieser immer höher wird. Da die natürlichen organischen „Bauteile“ eines Horstes im Unterschied zu Plastik u.a. Zivilisationsmüll rasch verrotten, führen sie auch kaum zu Verdichtungen des Horstbodens.

Das Geschmeiß erfüllt aber auch eine funktionelle Aufgabe im Zuge der Thermoregulation bei Temperaturen um 30° C, indem sich die Störche ihre Läufe damit „bekalken“. Die Darm- bzw. Kloakenentleerung erfolgt durch einen kräftig kalkweißen bis grauen Strahl über den Horstrand hinaus. Die Nestlinge lernen das schon bald, um die Nestbeschmutzung zu vermeiden, die bei Nesthockern immer gegeben ist. Singvögel entfernen die von einer Haut umhüllten Kotballen aus ihren Nestern mit dem Schnabel und lassen sie im Fluge fallen. Die weiße Farbe des Geschmeiß rührt von Kalkrückständen aus der Nahrung, vor allem aber von der Harnsäure aus dem Urin. Dieser wird nicht in wässriger Form, sondern gleichfalls breiig in die Kloake abgegeben, was eine Anpassung an das Fliegen ist, denn Wasser bedeutet unnützen Flugballast. Im Unterschied zu den Säugern wird bei den Aves der im Stoffwechsel abgebaute Eiweißstickstoff nicht zu Harnstoff, sondern zu Harnsäure abgebaut, und der Wasserhaushalt der Vögel ist gänzlich anders als bei Säugern. Schließlich würde eine volle Harnblase für die Vögel Flugballast bedeuten und dessen Abwurf die Umwelt mit einem „warmen Regen“ berieseln.

Ein Großteil der unverdauten Nahrung wie Knochen, Zähne, Krallen, Fischschuppen, Haare, Federn, Chitinpanzer von Insekten und Erde aus dem Darm von Regenwürmern u. ä. werden als Gewöll oder Speiballen aus dem Magen wieder herausgewürgt und finden sich um den Horst und den Schlafbaum. Storchengewölle sind neben den Uhugewöllen die größten Gewölle unserer heimischen Vogelwelt und messen etwa 60 mm mal 35 mm. Storchengewölle sind meist recht fest und zäh. In den Gewöllen findet sich also der größte Teil des Nahrungsspektrums des Weißstorches wieder. Es widerspiegelt gleichsam die im Biotop vorhandenen Nahrungsquellen, sowohl qualitativ wie auch quantitativ und gestattet eine Aussage über die Bonität eines Biotops. Zahlreiche Insekten und Kleinsäuger konnten z. B. erstmals durch Gewölluntersuchungen festgestellt werden. Als Beispiel hier der prozentuale Anteil an Beutetieren von einer Schleiereule: Star 50%, Hausmaus 18%, Erdmaus 14%, Waldmaus 8%, Rötelmaus 4%, andere Tiere 6%.

Schließlich gehört zur Horstpflege auch die Beseitigung verendeter Nestlinge, toter Eier und verfaulenden Nistmaterials – Nekrophorie – und der retardierten Nestlinge aus dem Horst, was auf ganz verschiedene Weise erfolgen kann.
Die einfachste Form ist die Beseitigung eines toten Nestlings, indem er aus dem Horst geworfen wird. In selteneren Fällen verbleibt das tote Küken im Horst. Wenn das Fleisch des toten Kükens nach einigen Tagen mürbe ist, wird es als Beute betrachtet und als Aasfresser von den Altstörchen verzehrt – Kronismus, oder von den Jungstörchen – Kainismus. Die Bezeichnung Kronismus ist der griechischen Legende entlehnt, nach der der Gott Kronos seine Kinder verschlang. Kainismus, Geschwistertötung, ist der biblischen Geschichte entlehnt, in der Kain seinen Bruder Abel tötet. Die Tötung des Geschwisterkükens erfolgt dabei durch permanentes Abdrängen von der Nahrung. Das Fressen von Artgenossen fällt unter den Sammelbegriff des Kannibalismus.

Schließlich kann auch die Beseitigung lebender retardierter Nestlinge dadurch erfolgen, dass sie schlichtweg aus dem Horst abgeworfen werden und durch den Sturz zu Tode kommen, also das Töten von Nachkommen – Infantizid. Der Grund für die Beseitigung der retardierten Nesthäkchen ist recht einfach, denn sie würden bis zum Abzug der Jungstörche und/oder Altstörche nicht rechtzeitig flügge werden und für den Südzug befähigt sein und dafür kaum Chancen haben. Sie wären damit ohnehin für eine ziehende Population in ihr Winterquartier verloren. Ein weiterer Grund für dieses Verhalten der Altstörche liegt darin, dass das Weiterfüttern von Nesthäkchen den täglich zu beschaffenden Nahrungsbedarf erhöht und letztlich zu Lasten der gut entwickelten Nestlinge gehen würde, die in der Weiterentwicklung dann gleichfalls verzögert würden. Denn nach der dritten Horstwoche steigt der Futterbedarf enorm an. Insofern erhält das für menschliche Moralvorstellungen „befremdliche“ Verhalten der Störche seinen biologischen Sinn.

Und im Übrigen sind diese Verhaltensweisen nicht nur auf die Störche beschränkt, sondern finden sich weit verbreitet in der ganzen Fauna. Dieses Verhalten steht im Dienst zur Heranbildung eines gesunden, überlebensfähigen und vermehrungsfähigen Nachwuchses. Eine künstliche Zufütterung, um auch die Schwachen hochzubringen, würde zu einer Negativauslese in der Natur führen. Was würde den echten Ziehern unter den Störchen ein Nachwuchs nutzen, der nicht fähig ist gen Süden zu ziehen, um dort im Winterquartier zu seiner Fortpflanzungsfähigkeit und Geschlechtsreife heranzuwachsen?

Er wäre für den Fortbestand einer gesunden Storchenpopulation völlig wertlos und würde die Population durch ihren Nahrungsbedarf auch noch belasten. Würden solche künstlichen Selektionen zum Prinzip erhoben, wäre es alsbald um eine Wildpopulation geschehen und würde zur „Verhausschweinung“ der Störche führen, ein Terminus, wie er schon öfters im Gästebuch und Forum zitiert wurde und eigentlich von dem Verhaltensforscher an Graugänsen, Konrad Lorenz, stammt. Gemeint ist damit die Halbdomestizierung und Domestizierung der Wildtiere, also das Züchten einer Tierart nach menschlichen, wirtschaftlichen Kriterien durch künstliche Zuchtwahl.

Um bei Konrad Lorenz zu bleiben: z. B. die Züchtung der Hausgans aus der Graugans heraus, die die Stammform unserer Hausgänserassen ist. Die natürliche biologische Selektion, die in der freien Natur nach ganz anderen Gesichtspunkten erfolgt, wird dabei umgangen und ausgeschaltet. Wie das bei den Weißstörchen teilweise fast geschah, wäre ein eigenes Kapitel wert zu schreiben.

Doch dieser Begriff greift nicht, denn unter Domestizierung – Verhausschweinung – versteht man die systematische Heranzucht von Wildtieren zu Haustieren und deren künftige wirtschaftliche Nutzung. Prototyp für eine „Verhausschweinung“ wäre z. B. auch der Wolf, aus dem bis z. Z. etwa 430 Hunderassen herangezüchtet wurden vom Gebrauchshund bis zum Schoßhündchen. Doch so etwas ist bislang in Europa beim Weißstorch noch nicht geschehen, so dass man von einer „Verhausschweinung“ der Weißstörche besser nicht sprechen sollte, sonst kommen gar noch einige skrupellose Geschäftemacher auf die Idee, neben Straußenfarmen auch noch Storchenfarmen einzurichten.

Die Hälfte des Jahres verbringen unsere Störche auf dem afrikanischen Kontinent, die Jungstörche sogar ihre ersten zwei Lebensjahre, wo gänzlich andere Bedingungen als in Mitteleuropa herrschen. Dort ist der Storch nicht nur Jäger, sondern auch Gejagter.
Storchensuppe und Storchenschmaus gibt es allenfalls in den Savannen der armen Entwicklungsländer Afrikas wie z. B. dem Sudan oder Tschad von den Ostziehern oder in Mauretanien von den Westziehern, aber eine „Verhausschweinung“ des Storches erfolgt auch dort nicht; er wird allenfalls mit Pfeil und Bogen oder mittels Schlingen erbeutet.

Der Sudan hat das größte Sumpfgebiet der Erde und ist daher ein Paradies für Störche. Doch seine 28 Millionen Seelen sind bettelarm und da ist ein Störchli im Kochtopf schon herzlich willkommen, erjagt mit Pfeil und Bogen, gefangen mit der Schlinge oder gar nur mit bloßer Hand durch Anpirschen. Aber wenn dann dort die von uns „verhausschweinten“ Störchlis auftauchen, wie z. B. 2002 das Pamhagener Jungstörchli, das durch Handaufzucht wochenlang gefüttert wurde, an den Menschen gewöhnt und auf ihn geprägt war und gar keine Fluchtdistanz mehr kannte, wenn man einen solchen Jungstorch dann noch nach Süden ziehen lässt, dann ist die Verhausschweinung perfekt. Der stolziert nämlich geradewegs auf die nächste Savannensiedlung zu und hinein in den erstbesten Kochtopf, da er den Menschen nur als Futterquelle, aber nie als Feind und Jäger kennenlernte. Handaufzucht für den Suppentopf?

Die Weißstörche sind in ihrem Brutpflegeverhalten hier so vorgestellt worden, wie sie tatsächlich sind und nicht wie sie im Wunschdenken einiger moralisierender Pseudotierschützer gern gesehen werden möchten. Die Natur lässt sich nicht moralisieren, weil sie keine Moralbegriffe kennt. Wer das Verhalten der Tiere an Moralvorstellungen und ethischen Werten aus der Welt des Menschen anknüpft und sie danach bemisst und bewertet, betreibt eine unzulässige Vermenschlichung der tierischen Kreatur, die zwangsläufig dazu führt, dass er das Verhalten der Tiere mit Maßstäben misst, die nur für den Menschen geschaffen sind. Er wid nie lernen, die Tiere zu verstehen.

Der Storch selektiert seinen Nachwuchs selbst und passt ihn an die vorhandenen Nahrungsquellen im Biotop durch die vorgenannten Mechanismen an. Die Selektion beginnt im Horst, angefangen vom Einstellen des Bebrütens zuviel gelegter Eier bis hin zu nicht mehr adäquaten Futterbrocken , die für die Nesthäkchen zu groß sind und daher von ihnen nicht mehr aufgenommen werden können. Eine Extrawurst für sie gibt es nicht.

Dazu bedarf es nicht des Menschen Hilfe, schon gar nicht durch Zufütterung, denn sie würde dem Storch einen Biotop vorgaukeln, der nicht hält was er verspricht. Damit wird dem Storch „ins Handwerk gepfuscht“, vom Menschen betrogen, was der Mensch lieber lassen sollte, wenn er stabile Storchenpopulationen haben möchte. Biotop und Horst müssen aufeinander abgestimmt sein, sie müssen zueinander passen wie ein Schlüssel zum Schloss. Da der Biotop nie kurzfristig verbessert werden kann, muss die Anpassung im Horst erfolgen.

Es ist ein uraltes Prinzip in der Natur, dass mit steigendem Aufwand für die Brutpflege und damit auch der Nahrungsbeschaffung die Anzahl der Eier bzw. Nachkommen sinkt; nicht nur beim Storch. Ähnliches gilt in unserer Gesellschaft auch für den Kindernachwuchs des Menschen. Werden dennoch einmal mehr Eier vom Storch gelegt, z. B. ein 5er oder 6er-Gelege, so steigt in der Regel die Mortalität im Horst an, womit dessen Nestlingsanzahl wieder den Nahrungsressourcen des Biotops angeglichen und der hohe Brutpflegeaufwand verringert wird.

Eines aber kann der Mensch bedenkenlos tun: dem Storch den Biotop zurückzugeben, den er ihm seit Jahrzehnten gestohlen hat, dazu ist der Storch ausschließlich auf den Menschen angewiesen, denn nur er kann ihm letztlich zurückgeben, was er ihm genommen hat. Ich nehme keine moralisierenden Bewertungen des Verhaltens eines Tieres vor, weil ich sie in ihrem Verhalten nicht vermenschliche, sondern sie so nehme wie sie sind. Dadurch komme ich auch gar nicht erst in die Verlegenheit, den Tieren Attribute und Eigenschaften anzudichten, die sie gar nicht haben, wie z.B „Gut oder Böse“, die in der empfindlichen Gefühlsskala des Menschen dann nur all zu oft Emotionen aller Schattierungen hervorrufen, die vom Hass bis zur Affenliebe reichen.

Jedes Tier und Lebewesen hat im Gefüge und Gleichgewicht der Natur seinen ganz speziellen Platz und seine ganz speziellen Aufgaben zu erfüllen und damit seine Daseinsberechtigung. Die für viele Menschen so unscheinbare Biene, die uns den Honig liefert, wird von den meisten Menschen nur wegen dieser Köstlichkeit geschätzt. Tatsächlich vollbringt sie aber gänzlich größere Werke, von denen z. B. unsere Erwerbsobstbauern abhängig sind; nämlich die Insektenbefruchtung unserer Obstsorten. Ohne Bienen wären unsere Erwerbsobstbauern zum Scheitern verurteilt und die Vegetarier unter uns müssten wohl darben.

Tiere leben nicht nur miteinander, sondern eben auch voneinander in Form einer gewaltigen Nahrungskette und Nahrungspyramide, in der die Devise herrscht: „Fressen und Gefressen werden“. An der Spitze dieser Pyramide steht der Mensch, und er macht keinesfalls eine Ausnahme davon, denn er verschlingt fast alles, was er an Essbarem in seine Finger bekommt.... Wollte man ihn so moralisieren, wie es einige Pseudotierschützer mit den Tieren praktizieren, er würde denkbar schlecht in dieser Wertung abschneiden.
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Beitragvon skippy » So 3. Jun 2012, 12:34

NESTLINGSAUFZUCHT UND NAHRUNGSBEDARF

Groß ist der Bedarf an Nahrung für die rasch heranwachsenden Küken, der in den ersten Tagen nach dem Schlupf von wenigen Gramm bis zum Flüggewerden auf ca. 1250 Gramm pro Tag ansteigt und die Altstörche, besonders bei einer starken Brut, vor enorme Aufgaben zur Nahrungsbeschaffung stellt. Die Küken verschnabulieren dann ungeahnte Mengen, und leicht kommen da einige Zentner an Nahrung für eine Brut, je nach Nestlingszahl, zusammen, bis sie flügge ist.

Genügen einem Altstorch zur Abdeckung seines eigenen Nahrungsbedarfs dreimalige Futterflüge von 60 bis 90 Minuten pro Tag, je nach Ergiebigkeit des Nahrungsbiotops, so steigt für die Versorgung der heranwachsenden Nestlinge die Zahl der Futterflüge beachtlich an. Pausenlos, vom Morgengrauen bis zum Abendrot, ist schließlich immer einer der Altstörche auf Nahrungsbeschaffung unterwegs, während der Andere den Horst mit den Nestlingen bewacht. Und bei großer Hitze kommen dazu auch noch Versorgungsflüge mit Wasser. Ein schlechter Nahrungsbiotop vermag da schon oft allzu rasch ein prächtiges und stolzes 6er-Gelege auf nur 2 – 3 Jungvögel zu reduzieren.

Nur durch den ständig länger werdenden Tag in unseren Breiten bis zur Sommersonnenwende am 21.Juni ist es den Altvögeln eigentlich möglich, das tägliche Nahrungspensum zu beschaffen. Bei kürzerer Tagesdauer wie im Frühjahr oder Herbst wären ihnen die erforderlichen Nahrungsflüge wegen Lichtmangels gar nicht mehr möglich. Zur Beschaffung der erforderlichen Nahrung werden die Futterflüge oft weit über das Brutgebiet hinaus ausgedehnt. Beschränken sie sich für den Eigenbedarf des Altstorches auf 3 – 4 km um den Horst, so können sie sich bei vorhandenen Nestlingen leicht auf das Dreifache erweitern. Wir hatten ein Schwarzstorchpaar, das über mehrere Jahre Futterflüge bis zu 12 km an die erforderlichen Fischgründe zur Nahrungsbeschaffung in Kauf nahm, was eine beachtliche tägliche Flugleistung für die Altstörche bedeutete, denn Schwarzstörche sind weit mehr auf Fisch als Nahrung angewiesen als Weißstörche.

Die Nahrungspalette ist dem Alter der Nestlinge angepasst. Anfänglich werden übewiegend Insekten, Käfer, Würmer, Schnecken, Kaulquappen verfüttert, später auch Frösche, Fische, Kleinsäuger bis Rattengröße, auch Wiesel, Schlangen und auch Jungvögel von den Bodenbrütern. Begehrt waren früher auch die Maikäfer und Kartoffelkäfer, aber diese sind verschwunden. Selbst Vögel von Sperlingsgröße, die sich vorwitzig zu nahe am Schnabel des Storches vorbeitrauten, soll der Storch schon im Vorbeiflug geschnappt haben. Aber am Horst, wo Sperling und Star als Untermieter bei den Adebars lebt, herrscht Burgfrieden.

Nicht jeder Biotop bietet eine solche artenreiche Nahrungspalette. In Spanien, wo weniger Feuchtgebiete sind, stehen mehr Kerbtiere, Kerfen und Heuschrecken im Vordergrund, und in Afrika nach den Savannenbränden bekommen die Störchlis die Heuschrecken sogar gegrillt serviert, sie brauchen sie nur noch einsammeln. Für den Fischfang sind unsere „flurbereinigten“ Bäche meist viel zu tief, so dass Adebar darin nicht waten kann und einen nassen Bauch bekommt, und die Ufer dieser meliorierten Bäche sind viel zu steil. Die Begradigung des Bachlaufes lässt keinen Platz für seichte Wasserstellen, Tümpel oder Mäander, und die Strömungsgeschwindigkeit in diesen Kunstgebilden, von jeglicher Natur bereinigten Wasserläufen, ist viel zu schnell. Schlechte Chancen für Fische, Frösche und Adebar.

Der Uferbewuchs, Baum und Strauch, mussten der Motorsäge weichen, denn nur so kann das neue Gebilde eines Baches das Umfeld auch wirklich hinreichend meliorieren und entwässern, damit der Grundwasserspiegel auch wirklich tief genug abfällt und von einem Feuchtbiotop möglichst nichts mehr übrigbleibt, denn sonst könnte sich ja dorthin wieder ein Fröschlein verirren und mit ihm die Adebars. Da wäre ja dann die Flurbereinigung von diesen unnützen Fressern gänzlich umsonst gewesen! Liest sich wie ein übler Scherz, ist aber so verlaufen.

Anders als der Mensch, der sich seinen täglichen Nahrungsbedarf mühelos aus dem Supermarkt beschafft und auf Vorrat einkaufen kann, müssen unsere Störchlis wie auch die anderen Wildtiere ihren täglichen Futterbedarf täglich neu erkämpfen. Sie leben praktisch „von der Hand in den Mund“, Schnabel oder Maul, denn sie bekommen kein „Goldi“ oder „Chappi“ fertig serviert, so dass sie nur noch schlucken brauchen. Insofern ist für die Wildtiere jeder neue Tag ein Daseinskampf ums Futter und damit auch für ihr Überleben. Dieser Nahrungsdruck ist für alle Tiere stets ein großer Stress, denn jeder neue Tag birgt für sie die Ungewissheit und Herausforderung in sich, auch das erforderliche Futter in ausreichender Menge zu finden, besonders wenn es gilt, Nachwuchs hochzubringen. Und die meisten der heutigen Luxushunde sind nicht einmal mehr dazu fähig, ein Stück Fleisch zu reißen, geschweige denn ein Beutetier, da sie es von ihrer Mutter gar nicht erst lernen konnten, weil sie viel zu früh von ihr abgesetzt wurden und Fleisch nicht einmal kennenlernten. Die würden sogar vor dem größten Fleischbatzen noch verhungern, weil sie mit ihm nichts anzufangen wüssten.

Die übliche Jagdart des Weißstorches ist das langsame Abschreiten von Wiesen und Sümpfen, das Waten in flachen Gewässern, also die Pirschjagd und das Auflauern der Beute, z. B. der Mäuse vor ihren Löchern. Mäuse aller Art und andere Kleinsäuger stellen die eigentliche Kernnahrung für den Storch. Eine dritte Jagdart wäre das ledigliche Einsammeln der von Savannenfeuern gegrillten toten Heuschrecken und anderer Kleinlebewesen, die die Störche pfundweise verschnabulieren. Der Fang lebender Heuschrecken und Insekten ist schon zeitaufwendiger und weniger effizient.

Hochwertiges Futter stellt auch das Aas dar, da es durch seine spezielle bakterielle Besiedlung und Zersetzung den Störchen wichtige Vitamine und für einen gesunden Darm die erforderliche Darmflora liefert, ähnlich wie bei Hund, Wolf, Fuchs, Bussard oder auch dem Menschen, der seine Bifiduskeime und Lactobazilluskeime für seinen verdorbenen Darm aus Kefir und Joghurt deckt, was aber nur sinnvoll ist, wenn sie noch lebende Keime enthalten, also nach der Herstellung nicht sterilisiert sind. Der Verpackungshinweis:„Hergestellt mit lebenden Keimen“ dient der Irreführung der Kunden, denn mit toten Laktobazillus- und Kefirkeimen können diese Produkte nicht hergestellt werden. Also ist das lediglich eine Vorspiegelung falscher Tatsachen im Zuge einer angestrebten verkaufsträchtigen Werbecampagne. Unsere Störchlis fallen auf solchen Werbemüll nicht herein, denn ihr gesunder Instinkt sagt ihnen, was für sie erforderlich und bekömmlich ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine jegliche Werbung die Unkenntnis und Unwissenheit des Menschen in skrupelloser Weise ausnutzt.

Wenn nun unseren Störchlis vom Morgengrauen bis zur Abendröte das Jagdglück hold war, trotz ihrer zahlreichen Nahrungskonkurenten wie Fuchs, Dachs, Mäusebussard und zahlreicher anderer Arten, dann bringen sie auch glücklich ihre Brut hoch. Der Nahrungsaufwand ist gewaltig, denn Skelett-, Muskel- und Organentwicklung kosten enorme Mengen an hochwertigem Eiweiß; besonders aber schlägt hier auch die Entwicklung des Gefieders, besonders des Großgefieders von Hand- und Armschwingen und des Steuergefieders zu Buche, das aus Keratin/Horn, einem hochwertigen festen Eiweiß/Protein besteht und in der dritten Woche sich aufzubauen beginnt. Deshalb steigt der Nahrungsbedarf hier besonders an.

Gefiederaufbau und Gefiederwechsel wie die Mauser, ist für jeden Vogel immer eine „teuere“ Angelgenheit, ähnlich wie der Kauf neuer Kleider bei uns Menschen, denn Federn haben einen hohen Verschleiß, müssen sie doch das Gewicht des Vogels durch die Lüfte tragen und alle Wetterunbilden aushalten, wie unser Gewand. Was die Altvögel dazu bei drei Nestlingen für die 64 Tage Nestlingszeit bis zum Flüggewerden an Nahrungsbeschaffung zu leisten haben, wird hier noch zu demonstrieren sein.

Um den erhöhten Bedarf an Nahrung beschaffen zu können, werden, wie schon angeführt, die Futterflüge auf bis zu der dreifachen Entfernung vom Horst ausgedehnt. Acht Kilometer sind keine Seltenheit. Und auch die Zeitdauer der Futtersuche nimmt zu, wobei die stets länger werdenden Tage in unseren Breiten bis zur Sommersonnenwende dem Storch dabei entscheidend entgegenkommen – immer vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung. Während in den ersten vier Wochen nach dem Schlupf noch eine Art Arbeitsteilung besteht, indem der eine Altstorch den Horst mit den Jungvögeln bewacht und der Andere auf Futtersuche ist, genügt das hiernach lange nicht mehr. Beide Altvögel müssen gleichzeitig auf Futtersuche fliegen, um den Bedarf zu decken, was letztendlich bedeudet, dass der Horst unbewacht bleiben muss. Da sehen oft die größeren Greife ihre Chance für eine leichte Beute, wenn auch kaum in unseren Breiten.

Das Schlupfgewicht eines Storchenkükens beträgt ca.75 bis 85 Gramm, welches sich innerhalb der ersten 14 Tage auf 850 Gramm verzehnfacht. Das entspricht einer gemittelten Gewichtszunahme von ca. 60 Gramm pro Tag. Um diese Gewichtszunahme zu erreichen, muss das Küken die vierfache Menge an Futter zu sich nehmen, also, wieder gemittelt, rund 240 Gramm pro Tag, was in den 14 Tagen rund 3,40 kg Futter sind. Bis zum Verlassen des Horstes steigt der tägliche Nahrungsbedarf bis auf etwa 1250 Gramm an. Im Durchschnitt werden zur Aufzucht eines Nestlings für die 64 Tage Nestlingszeit rund 50 – 55 kg Futter benötigt.

Da die Altvögel auch leben müssen, kommt hier noch der Futterbedarf für die Altvögel hinzu, der ja auch erbeutet werden muss und sich mit 500 Gramm pro Altvogel und Tag geradezu bescheiden ausnimmt. In 64 Tagen sind das 32 kg Futter für einen Altvogel. Der Gesamtfutterbedarf bei einer Brut mit drei aufgekommenen und flüggen Nestlingen und den beiden Altvögeln beträgt also für einen solchen Horst 225 kg oder 4,5 Zentner. Diese Futtermenge muss der Biotop hergeben können, sonst wird es nichts mit drei Flüggen. Und schließlich sind auch noch andere besetzte Horste und Nahrungskonkurrenten in der Umgebung des Biotops, deren Bewohner auch Leben wollen.

Daraus wird deutlich ersichtlich, wie unmittelbar eine erfolgreiche Aufzucht von der gebotenen Nahrunsqualität eines Biotops abhängt. Ein Biotop, der wohl nur überwiegend Insekten und Weichtiere zu bieten hat, kann keine solche Aufzucht ermöglichen, und deshalb sind die Störchli auch ein Gradmesser für die Güte eines Biotops. Moduliert wird die Güte eines Biotops in erster Linie durch Wettereinflüsse, wie z. B. längerfristige Regen- oder Trockenperioden, Überschwemmungen und Brände.

Letztendlich aber sind die jungen Störchli herausgefüttert für ihre lange Reise gen Süden, haben ein ausreichendes Fettdepot angelegt und bringen gleich mal einige „Pfunde“ mehr auf die Waage als die inzwischen recht abgekommenen Altstörche, die sich offenbar ihr eigenes Futter mit vom Schnabel absparten. Mit dem nötigen Treibstoff ausgerüstet, starten die Jungstörche dann Mitte August von ihrem Sammelplatz aus gen Süden. Die Alten aber, die brauchen noch zwei bis drei Wochen, bis sie sich nun auch den nötigen Reisespeck angefressen haben, um ihrer jungen „Vorhut“ folgen zu können, die ganz ohne die Alten in ihre Winterquartiere finden, immer der nach Süden schwindenden Sonne nach, so rechte „Skywalker“.
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Beitragvon skippy » So 3. Jun 2012, 20:00

JUNGSTORCHENZUG

Der Abzug der Jungstörche ab Mitte August ist ein jahrhundertealter Zeitpunkt und Mittelwert und gilt für das Gros der Jungstörche in unseren Breiten; für den einzelnen Jungstorch besagt der Termin natürlich nichts über seinen konkreten Abzugszeitpunkt. Der Zugtermin ist für ihn nach oben hin offen. Das heißt, dass Störche, die später erbrütet und flügge wurden, natürlich auch später abziehen. Das kann sich bis in die zweite Oktoberhälfte erstrecken, solange Thermik herrscht, wie das im „Goldenen Oktober“ meist noch der Fall ist. Jungstörche ziehen nicht alle auf einmal schlagartig ab, sondern sammeln sich dazu jeweils auf Sammelplätzen zu größeren Trupps, in denen etwa Gleichaltrige versammelt sind. Die zwei bis vier Wochen später geschlüpften befinden sich nicht darunter. Sie sammeln sich erneut zu einem Trupp und bilden eine Art „Nachhut“, die Nachzügler oder Spätzieher. Sie fliegen dann meist vergesellschaftet in der Obhut mit den Altstörchen. “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“! Das gilt nicht nur für den Schlupf, sondern auch für das Erheischen von Futter im Horst und den Abzug. Ist wohl auch bei uns Menschen so!

Die in südlicheren Breiten eher geschlüpften Störchli – wie z. B. in Arevalo/Spanien – ziehen auch eher ab, meist aber nur bis in die Nordhälfte Afrikas. Hier ist der Abzugtermin „Mitte August“ nach unten hin offen. Sie sind nicht etwa deshalb früher geschlüpft, weil es in Spanien wärmer ist - Arevalo ist ein recht kühles Gebiet - sondern weil dort andere, längere Lichtperioden über das Jahr verteilt herrschen. Licht, und damit der jahreszeitliche Stand der Sonne, und die geografische Breite sind der
entscheidende Faktor für Brutbeginn und Zug. Immer geht es der Sonne nach, die sich bereits jetzt wieder gen Süden neigt und den Störchlis damit anzeigt, dass die Culmination auch im Storchenjahr mit dem Schlupf der Jungen überschritten ist. Die Telemetrie vermittels des ARGOS-Satellitensystems wird uns hier noch manche Überraschungen zum Storchen- und Vogelzug sowie den Tierwanderungen liefern.

PRINZESSCHEN:
Einen Vorgeschmack auf den bevorstehenden Südzug der Störche bietet eine etwas andere Interpretation der ARGOS-Satellitendaten von Prinzeßchen durch die Universität von Cape Town, Südafrika, die wesentlich mehr Satellitendaten verkartete, so dass ein plastischeres Zugbild entsteht. Besonders gut heben sich das längere Verweilen von Prinzeßchen in den Feuchtgebieten des Sudan bis hin zum Tschad und im Okavango-Becken von Botswana an der Kalahari-Wüste ab. Letztere ist von mehreren Nationalparks umgeben. Deutlich wird die Unterbrechung des Südzuges durch längere Ost- Westwanderungen in die Feuchtgebiete jener Länder sichtbar. Hier der Link: http://web.uct.ac.za/depts/stats/adu/wstork11.htm
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Beitragvon skippy » So 3. Jun 2012, 20:16

THERMOREGULATION

Mit dem Schlupf des Kükens setzt auch der erste Mechanismus der Wärmeregulation ein, das Hudern, eine passive Form der Wärmeregulation durch die Altvögel, die in erster Linie der Warmhaltung dient, da die Küken außer den flaumigen Dunen, den Nestdunen, noch kein eigenes Federkleid besitzen und die Nahrung weniger für den Energiehaushalt als vielmehr zu einem raschen Körperaufbau verwendet wird. Eine besondere Form des Huderns ist das Schattenhudern, das an sonnigen Tagen durch die ausgebreiteten Schwingen der Altvögel den Nestlingen den kühlenden Schatten spendet, wobei die Altvögel mit dem Rücken zur Sonne stehen.

Wie die kollektive Wärmeregulation durch Einkugeln der Nestlingsgemeinschaft zur Verringerung der wärmeabstrahlenden Oberfläche als „thermoregulatorische Einheit“ erfolgt, wurde schon an anderer Stelle ausgeführt. In der fünften Woche ist das Gefieder soweit ausgebildet, dass die Deckfedern und das Großgefieder den ganzen Storchenkörper umschließen und ein ausreichendes Luftpolster zur Wärmeisolierung in sich einschließt, was auch ausreichend Schutz vor Regen, Wind und Unterkühlung gibt. Die von der Luftpolsterung eingeschlossene Luftmenge wird dabei durch einen speziellen Muskel an der Papille der Federspule reguliert, indem er die Federn aufrichtet oder anlegt. Bei Kälte werden die Federn aufgestellt und damit die eingeschlossene isolierende Luftmenge vermehrt – der Storch erscheint aufgeplustert – und bei Wärme durch Anlegen der Federn die isolierende Luftschicht verringert.

An heißen, sonnigen Tagen kehren die Nestlinge wie auch Altvögel im Horst der Sonne den Rücken zu, so dass Gesicht, Brust- und Bauchseite in den kühlenden Körperschatten zu liegen kommen und die Sonne lediglich das weiße Deckgefieder der Körperoberseite bestrahlt. Von den weißen Federpartien wird der größte Teil der Sonnenstrahlen wieder reflektiert und somit nicht in Wärme umgewandelt, die den Vogelkörper aufheizen würde.

Winters wie Sommers hat auch das Waten in flachen Gewässern einen thermoregulatorischen Effekt, da die Temperatur des Wassers im Winter über der Umgebungstemperatur liegt, so dass sich der Winterstorch darin seine Füße wärmen kann. Und da im Sommer die Wassertemperaturen unter der Körper- und Umgebungstemperatur des Storches liegen, kann er sich beim Waten im Wasser darin kühlen, ein weiterer funktioneller Effekt der Stelzen, die also nicht nur zum Schreiten da sind.

Ein anderer Mechanismus der Thermoregulation, der sich die hohe Verdunstungswärme des Wassers zunutze macht, ist das Abhecheln von Wasser in Form von Wasserdampf durch die Lunge. Dazu wird der Schnabel offen gehalten. Hunde strecken zur Verstärkung des Kühleffektes dazu auch noch die Zunge heraus – je wärmer umso länger – und sondern dazu reichlich Speichel ab.

Normalerweise brauchen Störche kein Wasser zusätzlich aufzunehmen, da ihr Wasserbedarf und -verlust durch das Geschmeiß durch die Nahrung abgedeckt wird. Außerdem produzieren sie im endogenen Stoffwechsel durch die Verbrennung von Eiweiß, Kohlehadraten und besonders von Fett reichlich endogenes Wasser; eine Anpassung an den Flug. An sehr warmen Tagen wird aber bei den Jungvögeln durch das permanente Abhecheln der Flüssigkeitsverlust größer als er durch die Nahrung und das endogene Wasser abgedeckt werden kann. Dann müssen die Altvögel ihre Sprösslinge mit Wasser versorgen und tränken, welches sie im Kehlsack herantransportieren. Allerdings gleicht das Tränken der Jungvögel mehr einer warmen Dusche aus der Höhe, und wer nicht schnell genug sein Schnäbelchen aufsperrt, geht vom Gänsewein leer aus.

Steigen die Temperaturen auf ca. 30°C an, so erfolgt das „Bekalken“ der Ständer, indem die Läufe mit Geschmeiß bekotet werden. Der Grund für dieses nach menschlichen Wertvorstellungen und Maßstäben als „unrein“ erscheinende Verhalten ist, dass die roten Ständer in der Sonne sich aufheizen, so dass das zurückströmende Blut den Körper nicht ausreichend kühlen könnte. Durch das weiße, wasserhaltige Geschmeiß wird der Lauf weiß eingefärbt und reflektiert gleichfalls wie beim Gefieder das Sonnenlicht, so dass die Läufe und damit das zurückströmende Blut sich nicht durch die Sonneneinstrahlung erwärmen können. Das im Geschmeiß enthaltene Wasser bewirkt dabei, ganz wie bei dem Abhecheln, durch die Verdunstungswärme eine zusätzliche Abkühlung des rückströmenden Blutes und damit des Vogelkörpers. Das Geschmeiß erfüllt damit eine ausgezeichnete funktionelle Aufgabe im Zuge der Thermoregulation bei den Störchen.

Doch das Storchenbein als Zielobjekt von Geschmeiß erschöpft sich darin noch lange nicht in seinen Aufgaben zur Wärmeregulation. Es besitzt am befiederten Teil des Unterschenkels das sog. Wundergeflecht oder Wundernetz, das das Gegenstromprinzip der Wärmetechnik ausnutzt. Es ist ein in sich verflochtenes arterielles und venöses Netzwerk, das in warmen wie in kalten Zeiten ein hervorragender Wärmeregulator ist.

Bislang ist nicht geklärt, weshalb der Storch so gern auf einem Bein steht. Scherzbolde antworten auf die Frage:“Weshalb steht der Storch auf einem Bein?“ damit: „Weil er das andere hebt“! Man kann sich aber sehr gut vorstellen, dass das Heben eines Beines im Winter wie im Sommer der Feinregulierung der Körpertemperatur dient und auch dem Eitransport in der Legeperiode dienlich ist.

Das arterielle Blut strömt aus dem Körper durch den Lauf der Störche bis in die Zehen, wobei es sich dort großflächig bis unterhalb der Körpertemperatur abkühlt. In warmen Zeiten kann durch Bekalken der Kühleffekt noch verstärkt werden, so dass das Blut eine Temperatur von unterhalb der Umgebungstemperatur annimmt. Auf dem Rückweg zum Körper – im venösen Schenkel der Beingefäße – wird das Blut weiterhin abgekühlt. Das so vorgekühlte Blut durchströmt nun im Unterschenkel das venöse Wundergeflecht, das vom arteriellen Teil des Wundergeflechtes umgeben wird. Hier erfolgt ein Wärmeaustausch zwischen warmem arteriellem und kühlem venösem Anteil des Wundergeflechtes, so dass das vorgekühlte Blut bereits wieder etwas vorgewärmt wird. Dieses vorgewärmte Blut hat eine Temperatur, die unter der Körpertemperatur liegt und somit für die Kühlung des Storches sorgt.

Im Winter, bei Kälte, funktioniert dieses Wundergeflecht als Wärmeaustauscher im Gegenstromprinzip gleichermaßen. Hier besteht die Aufgabe darin, den Körper vor Unterkühlung zu bewahren. Das warme arterielle Blut gibt im Wundergeflecht bei seinem Weg in die Zehen bereits einen Teil seiner Wärme an das zurückströmende venöse Blut ab und verhindert so, dass die ganze Wärme des arteriellen Schenkels an die kalte Umgebung abgestrahlt wird und so verloren geht. Das in den Zehen bis minimal +4°C abgekühlte Blut wird auf dem Rückweg im Wundergeflecht bereits wieder vorgewärmt, so dass dieses kalte Blut den Körper nicht erreicht und unterkühlen kann. Da die Füße nicht unter +4°C abgekühlt werden, frieren Wasservögel deshalb auch nicht auf Eisflächen fest, und Lapplandmeisen in Sibirien schlafen bei -45°C auf einem Zweig, aufgeplustert zu einer kompletten Federkugel.

Bis -20°C haben unsere Störchlis mit der Kälte keine Probleme, vorausgesetzt, dass sie ausreichend Nahrung als Brennstoff für die nötige Energiegewinnung finden, was bei Dauerfrostboden, geschlossener Schneedecke oder Vereisung schon zu Problemen in der Futterversorgung bei den nichtziehenden Überwinterern, den Winterstörchen, führen kann. Hier sind sie im Wesentlichen auf Kleinsäuger angewiesen, die auch bei geschlossener Schneedecke ihre Baue verlassen.

Mangelt es an ihnen, gehen die Winterstörche ohne Zufütterung infolge Hungers und schließlich an Erfrierung ein, da der nötige Brennstoff zur Wärmeproduktion schließlich fehlt und die Fettdepots nicht ewig vorhalten. Lange, harte und schneereiche Winter, wo ja auch vor allem noch die flachen Uferbereiche der Gewässer zugefroren sind, so dass der Storch keinen Fisch erlangt, vermögen die Winterstörche dann zu dezimieren. Als Alternative bleibt ihnen noch das Aas des Fallwildes und die Mülldeponien.

Der größte und beste Schutz vor Kälte wie auch Wärme ist natürlich das Federkleid der Vögel. Wie einmalig und hervorragend es mit seinen Lufteinschlüssen den Vogelkörper vor Kälte und Nässe zu schützen vermag, demonstrieren uns jeden Winter die Wasservögel, die fast ihr ganzes Leben schwimmend auf dem Wasser verbringen, das eine Temperatur um 0 °C aufweist, während die Lufttemperaturen weit darunter liegen.

Der Mensch hat dies empirisch erkannt und allein aus diesem Grund schon seit Jahrhunderten zu schätzen gewusst. Am begehrtesten waren die Dunen und das Kleingefieder der Gänse, die als Füllung für die Betten dienten und ihre hervorragenden wärmeisolierenden Eigenschaften ausnutzten. In mühevoller Kleinarbeit wurden diese Federn von ihren Kielen befreit, geschlissen, eine Arbeit für die langen Wintermonate und wozu sich meist die ganze Nachbarschaft gesellig einfand. Bei Kaffee und Eierlikör wurden so aus den Dunen die von ihren Kielen befreiten Daunen, die begehrte Federbettfüllung, die dem Menschen in ihren unbeheizten Schlafräumen selbst bei –10°C noch wohlige Wärme spendete, wenn auch am Schnurrbart oder der Schlafmütze am Morgen oft der Reif vom Wasser der Atemluft saß.

Federbetten dienten sowohl als Deckbett wie auch als Unterbett. Handgeschlissene Federbetten sind heute sehr teuer; meist werden die Federn des Kleingefieders heute nur noch gehäckselt und sind dann natürlich lange nicht so flauschig und weich wie die handgeschlissenen Federbetten. Die Meisten der jüngeren Generation kennen solche Betten schon gar nicht mehr, denn wir schlafen im Winter schon lange nicht mehr bei minus 10°C, sondern bei wohltemperierten 20°C Zimmertemperatur. Da gibt es allenfalls noch Steppdecken aus gehäckselten Federn, aber keine Daunenbetten mehr.

Die Wärmeregulation erfolgt also durch einen Komplex von mehreren Mechanismen, die zusammenwirken und die Körpertemperatur nicht nur aufrecht, sondern konstant halten. Sie ist kein nur passiver Vorgang im Sinne eines bloßen Wärmeaustausches zwischen Vogelkörper und Umgebungstemperatur entlang eines Temperaturgefälles, wie er teilweise bei den wechselwarmen Tieren besteht, sondern ein aktiver metabolisch gesteuerter Prozess, der Energie in Form von Nahrung erfordert. Diese aktive komplexe Wärmeregulation wird im Unterschied zu dem passiven Wärmeaustausch als Thermoregulation bezeichnet.
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Beitragvon skippy » So 3. Jun 2012, 20:24

VOM NESTLING ZUM JUNGVOGEL

Bevor ein Nestling die Lüfte durch seine Schwingen erobern kann, entwickelt sich vor dem Fliegen beim Nesthocker erst einmal die Fähigkeit zum Stehen und Schreiten im Horst, also das „Fahrwerk“. Bei vielen Vögeln, besonders aber auch beim Storch, sind die Beine besonders wichtig, denn auf sie ist er bei seiner Art des Nahrungserwerbes durch Pirsch- und Lauerjagd besonders angewiesen, wie die Greife, denen die Krallen der Zehen zum Ergreifen der Beute dienen. Allen aber dienen die Beine der Landung. Ohne sie würde sie nicht gelingen, ganz gleich ob auf dem Wasser, im Wasser (Eisvogel) auf dem Land oder einem Zweig.

Anfang der vierten Woche richtet sich das Fersengelenk auf und das Dasein des Störchlis in der Hockstellung nimmt langsam ein Ende. Sein Blick reicht nun über den Horstrand hinaus bis zum Horizont und lässt wohl die erste Ahnung über die künftige Vogelfreiheit aufkommen. Auch Streck- und Dehnungsübungen der Sehnen und Bänder der Flügel beginnen und verraten den rechten Drang, aus dem Horst hinaus streben zu wollen, dorthin, wohin die Alten Tag für Tag ihren Blicken entschwinden.

Der ganze Storchenkörper erfährt mit der Entwicklung des Großgefieders einen Gestaltwandel zu einem länglich-elliptischen, tropfenförmigen Gebilde, die ideale Form für den künftigen Thermiksegler. Mit sechs Wochen gleichen sie schon fast den Altvögeln im Federkleid, nur die Schwung-und Steuerfedern sind noch nicht vollends ausgebildet, was sie aber nicht davon abhält, schon fleißig ihre „Trockenflugübungen“ auf dem Horst zu absolvieren zur Kräftigung der Flugmuskulatur. In diesem Alter lernen sie auch schon das „Abschirmen“ der Nahrung mit ihren Fittichen, eine Geste und Drohgebärde der Inbesitznahme der Nahrung, denn die Nahrung im Horst stellt für ihr späteres Leben nichts Anderes als die künftige Beute dar, die es gegenüber Artgenossen und Nahrungskonkurrenten zu verteidigen gilt und die ihnen ihr späteres Überleben sichert.

Bald ist der Horst für Alt- und Jungvögel zusammen zu eng geworden und die Alten müssen ausziehen, auf das „Altenteil“, einem benachbarten Schlafbaum oder Dachgiebel, von wo aus sie ihre Sprösslinge im Auge behalten. Dauert es gerade mal 21 Tage, bis sie stehen können, so dauert es dreimal so lang, also etwa 64 Tage, bis sie fliegen können. Das entspricht etwa der doppelten Brutzeit. Immer mutiger werden sie, anfangs hüpfelnd und tänzelnd, dann mit Luftsprüngen, bald halb fliegend den Horst umkreisend, bis sie sich schließlich einen halben Meter oder mehr vom Horstboden und Horstrand entfernen und eines Tages eine Brise Wind sie aus ihm hinausträgt in die grenzenlose Storchenfreiheit und um ihre Wiege gänzlich zu verlassen.

Die Alten helfen da schon entsprechend nach, um sie zum Verlassen des Horstes zu bewegen. Wird das Futter den hungrigen Jungstörchen nicht mehr im Horst gereicht, sondern vom benachbarten Baum oder Hausgiebel mit dem Futter im Schnabel gelockt, so zieht es wohl oder übel dann den Mutigsten oder Hungrigsten als Ersten aus dem Horst hinaus. Mit den Alten fliegen sie auf die Storchenweide, wo sie die Futterquellen und den Nahrungserwerb kennenlernen, aber sie werden auch dort noch immer etwas von ihren Eltern gefüttert.

Wenn die Handschwingen den Stoß/Steuerfedern etwa 1 – 2 Querfinger überwachsen haben, dann sind sie voll flugfähig. Fliegen brauchen sie nicht zu erlernen, das ist ihnen voll angeboren, nur zum Gebrauch des Steuergefieders bedarf es noch einiger Übung, denn für zielgenaue Landungen auf dem Horst fehlt ihnen noch die Erfahrung, und allzu oft erfolgt deshalb eine „Außenlandung“ neben dem heimatlichen Flughafen. Aber das Steuern haben sie recht rasch erlernt, und alsbald folgen auch schon die ersten Lektionen für den Thermikflug, der es ihnen erst ermöglicht, lange Strecken im Nonstopflug zurückzulegen und sie in ihre Winterquartiere führen wird.
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Beitragvon skippy » So 3. Jun 2012, 20:43

DAS STORCHEN- UND VOGELBEIN – EINE ANPASSUNG AN DEN FLUG

Es gibt zahlreiche Anpassungen der Vögel an das Leben in der Luft, den Vogelflug. Genannt wurden schon die besondere Form des Wasserhaushalts und der Ausscheidung von Harnsäure, die eine Harnblase als Flugballast erübrigt. Die bevorzugte Anlage von Fettdepots statt Kohlenhydraten in Form von Glykogen gehört hier eben so dazu, da Fette pro Gewichtseinheit bei ihrer Verbrennung 40% mehr endogenes Wasser liefern als die gleiche Menge Kohlenhydrate. Noch effizienter sind Fette hinsichtlich der Energiebilanz; sie liefern sechsmal mehr Energie als die gleiche Gewichtsmenge Kohlenhydrate. Für den Vogel, insbesondere den Langstreckenzieher wie den Storch, ist das eine erhebliche Gewichtsersparnis an Flugballast in Form von „Treibstoffreserven“.

Würde er seine dafür erforderlichen Energiereserven in Form von Glykogen anlagern, müsste er sechsmal soviel an Gewicht mit sich führen, womit mancher Vogel so schwer werden würde, dass er nicht mehr abheben könnte, geschweige denn Langstreckenflüge von 10000 – 12000 km zweimal jährlich zurücklegen. Fettdepots sind also der ideale Wasser- und Energiespeicher für Vögel im Langstreckenzug wie die Störche. Zugvögel, die ziehen werden, erkennt man deshalb daran, dass sie reichlich Fettdepots angelegt haben. Nichtzieher sind mager, was auf eine tiefgreifende Stoffwechselumstellung hindeutet.

Auch das Skelettsystem ist ganz im Sinne der Flugphysiologie beschaffen. Auch hier steht die Vermeidung unnötigen Flugballastes an vorderster Stelle, so dass die Knochen der Vögel pneumatisiert, also luftgefüllt und damit besonders leicht, aber dennoch stabil sind. Der weitaus größte Knochen der Vögel ist das großflächige kielartige Brustbein, an dem die enorme Flugmuskulatur ansetzt. Jede Hausfrau kennt die Gänse- oder Enten“brust“, die nichts anderes als die am Brustbein großflächig angewachsene Flugmuskulatur darstellt.

Beim erwachsenen Höckerschwan ist diese Muskulatur so kräftig, dass sie mit einem einzigen Schlag des Flügelbuges einem erwachsenen Mann den Unterarm brechen kann. So geschehen, als sich ein Mann einem Junge führenden Schwan in einem Park zu sehr näherte und angegriffen wurde.

Auch die Rückbildung des rechten Eierstockes bei allen Vögeln steht ganz im Dienste der Vermeidung unnötigen Flugballastes. Wenig beachtet wird bei der Fluganpassung der Bau des Vogelbeins, das alles andere ist als nur zum Schreiten oder Hüpfen geschaffen, wie schon seine Aufgabe bei der Thermoregulation zeigte und daher in den nächsten Beiträgen einmal etwas näher betrachtet werden soll.

Fliegen ist nur möglich, wenn auch die Landung wieder sichergestellt ist. Noch kein Flieger und auch kein Vogel ist oben im himmelblauen Azur verblieben. Sie alle kamen freiwillig oder unfreiwillig dorthin wieder zurück von wo sie gestartet sind, die Erde. Voraussetzung dazu ist ein gut funktionierendes Fahrwerk. Wie sieht so eine weiche Vogellandung aus?
Vögel haben mannigfaltige Strategien zur Anpassung an den Flug entwickelt; wenig Beachtung hierbei finden beim Betrachter jedoch ihre Beine.

Das, was der Laie beim Vogel gemeinhin für den Unterschenkel hält, ist tatsächlich der Lauf, Tarsus oder auch die Stelze und das daraufsitzende Gelenk ist nicht das Kniegelenk, sondern das Fersengelenk. Kniegelenk und Unterschenkel sind bereits im Federkleid versteckt. Geschoßartig kommen z. B. die Meisen zur Landung auf einem Zweig angeflogen, ohne auch nur erkennbar abzubremsen; und dennoch erfolgt eine weiche Landung. Vier große Gelenke, das Fußgelenk/Metatarsalgelenk, das Fersengelenk/Intertarsalgelenk, das Kniegelenk und schließlich das Hüftgelenk fangen die beachtliche kinetische Energie des Vogelkörpers beim Aufsetzen zur Landung aus dem Flug ab, so dass stets eine weiche Landung erfolgt.

Im Vergleich zum Menschen haben Vögel also zwischen Hüft- und Fußgelenk zwei Gelenke, das Knie- und das Fersengelenk, was die weiche Landung überhaupt erst ermöglicht. Dabei klappen beim Aufsetzen die vier Gelenke scherengelenkartig zusammen, wie ein zusammenklappbares Metermaß, wodurch die Wucht des Aufpralls elastisch abgefangen und abgefedert wird. Ermöglicht wird das durch eine spezielle Sehne, die vorn über das Kniegelenk und hinten über das Fersengelenk zieht, wobei diese Gelenke wie Umlenkrollen für diese Sehne funktionieren. Je rascher ein Vogel auf einen Ast auffliegt, um so rascher beugen sich die vier Gelenke und spannen dabei diese Sehne, die die Zehen mit ihren Krallen um den Ast herumgreifen lassen und den Vogel arretieren. Das ist auch der Grund dafür, weshalb schlafende Vögel nicht vom Ast fallen, da ihr eigenes Körpergewicht die Sehne und damit die Krallen gespannt hält.

Und durch denselben Mechanismus graben sich auch die messerscharfen Krallen eines Greifes beim Auftreffen auf seine Beute blitzartig in dessen Körper ein. Junge Greifvögel verkrallen sich beim Beringen oft im Handschuh des Beringers, was durch einen Reflex ausgelöst wird, der diesen Mechanismus zur Grundlage hat. Um sie zum Auslassen zu bewegen, genügt es, ihnen kräftig in das Gesicht zu blasen, dann löst sich dieser Beutegreifreflex wieder. Je schwerer der Vogel ist, z. B. mit Beute beladen wie die Greife, um so kräftiger wird diese Sehne durch das erhöhte Gewicht gespannt und damit die Zehen arretiert. Eine Art automatische Landetrimmung, die sich je nach Fluggewicht automatisch reguliert.

Größere Vögel verlagern bei der Landung außerdem ihr Gewicht hinter die Ständer, wodurch sie hecklastig werden und die Landung nochmals weicher macht. Eine solche Funktion ist natürlich besonders für die schweren Großvögel, zu denen der Storch ja gehört, wichtig. Kurz vor dem Aufsetzen werden die ausgebreiteten Schwingen in ihrer Längsachse senkrecht zur Anflugrichtung und Windrichtung gedreht und der Flug damit abgebremst. Allenfalls noch ein, zwei Flügelschläge nach vorn und der Großvogel kommt zum Stillstand.

Doch das Vogelbein ist nicht nur als „Fahrwerk“ für die Landung wichtig, ohne das es auch beim Flieger keine Landung gibt, sondern durch sein spezielles Wundernetz am Unterschenkel und durch die Bekalkung des Laufes spielt es eine entscheidende Rolle bei der Wärmeregulation des Vogelkörpers. Für die Störche sind die stelzenartigen Beine für den Beuteerwerb neben dem Schnabel das wichtigste Instrument, durch das sie erst durch höheres Gras der Wiesen und Savannen, Moore und Sümpfe und seichtes Wasser schreiten können. Für das etwa 35 cm messende Storchenbein sind unsere künstlichen Wassergräben meist viel zu tief, da der Storch darin einen nassen Bauch bekommen würde, was er gar nicht gerne mag. Schließlich sind Störche keine Schwimmvögel. Man sollte daher solche Meliorationsgräben flacher gestalten und mäandrieren.
Vertrauen ist eine Oase des Herzens, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird. Khalil Gibran

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Beitragvon skippy » Di 5. Jun 2012, 21:07

THERMIKFLUG

Wenn der muntere Gesang unserer kleinen gefiederten Freunde Ende Juli verstummt ist und das Schweigen im Walde nur das seichte Rauschen der Wipfel ertönen lässt, ist die Zeit für die Jungstörche gekommen, ihre Horste zu verlassen, in denen sie sich zu „langweilen“ beginnen und nur noch hier und da um nichts und wieder nichts in sie zurückkehren, denn schon bald haben sie gelernt, ihr Futter selbst auf der Storchenweide zu suchen.

Störche sind Thermikflieger, im Vergleich zum aktiven Ruderflug eine kräfte- und energiesparende Flugart, mit der sie den überwiegenden Teil ihrer 10000 – 12000 km langen Zugstrecke gen Süden beim Herbstzug in die Winterquartiere und zur Erlangung der Geschlechtsreife zurücklegen oder den Frühjahrszug in die Brutgebiete. Der energie- und kräfteaufwendige Ruderflug hingegen dient ihnen für Kurzstreckenflüge, wie sie z. B. zur Nahrungsbeschaffung im Brutrevier oder im Überwinterungsquartier erfolgen. Voraussetzung für den Thermikflug als entwicklungsgeschichtlich ältere Flugart ist das Vorhandensein von erwärmten aufsteigenden Luftmassen. Schon deshalb ist Thermikflug nicht zu allen Jahreszeiten in unseren Breiten möglich.

Wie bei allen Thermikseglern, z. B. unserem heimischen Mäusebussard, sind dazu ihre Flügel in brettartiger Form gestaltet, d.h. ihre Handschwingen enden am Flügelende stumpf. Damit sich Luftmassen erwärmen können, ist eine ausreichende Sonnenscheindauer erforderlich, damit der unter ihnen liegende Boden sich ausreichend aufheizen und die darüber liegende Luftschicht erwärmen kann. Das ist in unseren Breiten erst gegen 9 Uhr der Fall; daher können Segelflieger auch kaum früher zu einem Thermikflug starten.

Der aufgeheizte Boden erwärmt die darüber befindliche Luftmasse, die sich dabei ausdehnt und somit spezifisch leichter wird und aufzusteigen beginnt. Jeder hat schon solche erhitzten Luftmassen über dem Boden gesehen, die sich durch das Flimmern der Luft verraten, da sich ihr optischer Brechungsindex ständig durch die Erwärmung verändert. In den Wüsten sind sie Ursache für die Fata Morgana. Solche bodennahen erhitzten Luftmassen werden als „Qualle“ bezeichnet. Ihre erhitzte leichtere Luft steigt nun nach oben, wobei sich ein schlauchartiges, blasenförmiges Luftgebilde formt, die Thermikblase. Sie reißt schließlich an der bodennahen Schicht von der sie speisenden Qualle ab und steigt als Thermikblase wie ein Heißluftballon in der umgebenden Kaltluft auf.

Thermikschläuche entstehen aus der Qualle etwa alle 10 bis 30 Minuten und haben einen Durchmesser von 100 bis 300 Metern, je nach Stärke der Bodenwinde, der Bodenart und dessen Bewuchs. Besonders leicht entstehen sie über den aufgeheizten Dachflächen der Städte, dem Asphalt der Straßen, größeren Feldflächen u. ä. Die Aufstiegsgeschwindigkeit beträgt 1 bis 3 Meter pro Sekunde, gelegentlich auch über 5 Meter pro Sekunde, so dass die in sie hineingeflogenen Störchlis darin wie in einem Lift emporgetragen werden.

Je höher die Warmluftblase in der umgebenden Kaltluft aufsteigt, umso mehr kühlt sie sich wieder ab, da mit steigender Höhe der Luftdruck abnimmt und die Warmluftblase sich dabei ausdehnt. Je mehr sie sich ausdehnt, umso kühler wird dabei wieder ihre Luft, je 100 m kühlt sie um 1°C ab. Der Abkühleffekt ist dabei fast ausschließlich durch die Ausdehnung der Warmluftblase bedingt, nicht durch die umgebende kühle Luft, da Luft ein schlechter Wärmeleiter ist.

Ist die Warmluftblase an ihrem oberen Ende schließlich soweit abgekühlt, dass die darin befindliche Luftfeuchtigkeit nun kondensiert, so kommt es zur Wolkenbildung, den Cumulanten. Jeder Segelflieger erkennt an den Cumulanten, dass sich darunter eine Thermikblase befindet. Die am oberen Ende der Thermikblase wieder abgekühlte und damit schwerere Kaltluft sinkt an der Grenzschicht zwischen Kalt- und Warmluft, dem „Bart“ wieder abwärts zu Boden, wo sie erneut erwärmt wird und eine neue Qualle speist. Schneidet ein Segelflieger mit einer Tragfläche einen solchen Bart an, so wird jene Tragfläche, die in den Warmluftbereich der Thermikblase zu liegen kommt, angehoben, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er die Thermikblase erreicht hat.

Auch die Störchlis spüren mit ihrem sensiblen Gefieder sofort die Aufwärtsströmung der Luft, wenn sie im Ruderflug in 200 – 300 m Höhe in eine solche Thermikblase einfliegen und nutzen sofort deren Auftrieb für den Steigflug. Nun beginnt ein beeindruckendes Schauspiel des Aufstiegs eines ganzen Storchentrupps. Mit weit ausgebreiteten Flügeln und ohne einen Flügelschlag lassen sie sich in großen Spiralen kreisend von der Thermik in die Höhen des himmelblauen Azurs emportragen, oft bis zu 4000m, solange sie die aufsteigende Warmluft trägt, uns gleichsam ihren letzten Gruß entbietend, bevor sie im himmelblauen Azur des Spätsommers unseren letzten spähenden Blicken in wenigen Minuten in den fernen Höhen der grenzenlosen Storchenfreiheit entschwinden. Und manch wehmütiger Blick soll ihnen dabei schon mit feuchten Augen gefolgt sein.

Ist die aufsteigende Warmluft soweit abgekühlt, dass sie die Störchlis nicht mehr trägt, dann gehen sie dort oben auf ihren Kurs und in langsamem Gleit- und Sinkflug verlieren sie an Höhe. Soblad sie dabei in eine neue Thermikblase gelangen, beginnt das Schauspiel von Neuem. Das kann sich an einem Tag mehrmals wiederholen, so dass an einem Tag mehrere hundert Kilometer zurückgelegt werden können, bis der erste Zwischenrastplatz erreicht ist. Je höher sie aufsteigen und je langsamer sie wieder sinken, umso größer ist die dabei zurückgelegte tägliche Flugstrecke.

Da Thermik nur über erwärmtem Boden entstehen kann, da dieser sich schneller und stärker erwärmt als Wasser, können die Störchlis größere Strecken über Wasser nicht im Thermikflug zurücklegen, da es über See keine Thermikblasen gibt. Nur im kräftezehrenden Ruderflug können sie maximal ca. 30 km über See zurücklegen, was für diese Wagehälse oder Unerfahrenen aber meist tödlich infolge Entkräftung und Ertrinken endet. Dieses Schicksal ist meist jenen Störchlis beschieden, die versuchen, das Mittelmeer auf direktem Weg zu überfliegen, wie es gelegentlich auch von Senderstörchen versucht wurde.

Mit dem Monat der Weinlese, dem „Goldenen Oktober“ enden in unseren Breiten auch die Bedingungen für den Thermikflug. Wer bis dahin nicht als Spätzieher seine letzte Chance genutzt hat, kann sich nur im Ruderflug südwärts quälen, bis er auf dem afrikanischen Kontinent wieder Thermikbedingungen vorfindet, oder verbleibt als Überwinterer und Winterstorch im Brutgebiet. Warme Aufwinde an Berghängen und die tagsüber von See her stets wehenden Winde bieten zwar noch eine gewisse Flugerleichterung, doch vermögen sie nicht die idealen Bedingungen eines Thermikfluges zu ersetzen und führen oft zur Abdrift. Auch hier gilt: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.

Die schon öfters gestellte Frage, ob Störche auch nachts ziehen, ist damit gleichfalls beantwortet. Da es nachts keine Thermik gibt, weil sich der Boden abkühlt, sind Weißstörche reine Tagzieher. Für Thermik ist nun mal die goldene Sonne zuständig und nicht der silberne Mond, auch wenn dieser für die Erdbewohner durch seine Gravitation ein recht lebhaftes und für den astronomischen Laien auch recht „undurchschaubares Eigenleben“ führt.

In der Literatur wird oft darauf hingewiesen, dass Störche hervorragende Thermiksegler und Gleitflieger sind, ohne näher zu erklären, weshalb; deshalb soll das hier einmal etwas näher erläutert werden. Gewicht, Flügelfläche, Flügelform und Fluggeschwindigkeit sind hierbei die wesentlichen Momente. Ein Weißstorch mit einem Gewicht von 3700 Gramm hat eine Flügelfläche von 55 dm² oder 0,55 m². Die Flächenbelastung beträgt bei ihm also 67 g/dm². Bei einem 9800 Gramm schweren Wanderalbatros mit 62 dm² Flügelfläche beträgt die Flächenbelastung bereits 158 g/dm². Die Fluggeschwindigkeit eines Weißstorches ohne Wind variiert zwischen 8,9 m/sec (32 km/Std) und maximal 13,9 m/sec. (50 km/Std), bei dem mehr als doppelt so schweren Wanderalbatros zwischen 13,3 m/sec (48 km/Std) und 23,6m/sec (85 km/Std). Die Sinkgeschwindigkeit eines Vogels ohne Wind hängt von dessen Gewicht, Flügelfläche und seiner Fluggeschwindigkeit unmittelbar ab. Beim Storch beträgt sie 0,60 m/sec und beim Wanderalbatros 1 m/sec. Würden beide gleich schnell fliegen, z. B. mit 13,5 m/sec (48,6 km/Std) – was für den Storch den schnellsten, für den Albatros aber den langsamsten Flug bedeutet – würde der Storch um 60 cm pro Sekunde, der Albatros um einen Meter pro Sekunde sinken. Nach 10 Sekunden Gleitflug wäre der Storch also um 6 Meter, der Albatros trotz seiner 3,45 m langen Schwingen aber bereits um 10 Meter gesunken.

Noch eklatanter wird der Unterschied im Vergleich mit einem Mauersegler. Seine langsamste Fluggeschwindigkeit ist 20 m/sec (72 km/Std), darunter reißt die Strömung unter den Flügeln ab. Seine Sinkgeschwindigkeit beträgt auf Grund seiner sichelförmigen Flügel 3,20 m pro Sekunde, und er wäre nach 10 Sekunden um 32 Meter abgesunken. Er fällt fast wie ein Stein.

Dividiert man nun die Fluggeschwindigkeit durch die Sinkgeschwindigkeit der einzelnen Vogelarten, so erhält man die Gleitzahl, die vergleichbare Werte über die Gleitfähigkeit der Segler liefert. Für die genannten Beispiele betragen sie beim Storch 22,5, beim Wanderalbatros 13,5 und für den Mauersegler 6,25, wobei der Mauersegler aber schon deutlich schneller fliegen muss als Storch und Albatros. Gelegentlich wird auch der Kehrwert der Gleitzahl angegeben.

Auf Grund ihrer Geschwindigkeit können Wanderalbatrosse eine Gleitzahl von 20 erreichen und Mauersegler von 15, gute Segelflugzeuge bringen es auf 40. Um sich ein anschauliches Bild von der Gleitzahl zu machen, folgende Beispiele: ein Vogel, der aus seinem Ansitz von 10 m Höhe nach 100 m Gleitflug auf dem Boden landet, hatte eine Gleitzahl von 100 m : 10 m = 10. Ein Albatros, der aus gleicher Höhe nach 200 m Gleitflug landet, hatte eine Gleitzahl von 20, mehr schafft er nicht. Und ein Storch, der aus 10 m Höhe nach 225 m Gleitflug landet, hatte eine Gleitzahl von 22,5. Sie wird vom Albatros selbst bei höchster Geschwindigkeit nicht erreicht.

Die erreichten Gleitzahlen sind dabei jeweils von der Fluggeschwindigkeit abhängig. Wollten Albatros und Mauersegler gleich langsam wie der Storch sinken (0,60 m/sec), so müsste der Albatros mit 22,5 m/sec (81 km/Std), also fast Höchstgeschwindigkeit, und der Mauersegler mit 72 m/sec (259 km/Std) fliegen, was für letzteren aber unerreichbar ist, da seine Höchstgeschwindigkeit 180 km pro Stunde beträgt.

Was der Storch also mühelos im gemächlichen, langsamen Gleitflug erreicht, nämlich ein langsames Sinken, das können Albatros und Mauersegler nur durch erhöhte Fluggeschwindigkeit einigermaßen wettmachen. So unterschiedlich können die Segler der Lüfte mit ihren vielgestaltigen Schwingen beschaffen sein. Das ist es, was unseren Storch und unter anderem auch unseren Mäusebussard mit ihren brettartigen Schwingen als perfekten Segler der Lüfte, eben als Skywalker auszeichnet. Diente der Albatros als Vorbild für den Bau von Lastenseglern, so war es der Storch, der als Vorbild für den wendigen Motorsegler vom Typ „Fieseler Storch“ diente, der noch bei 50 km/h flugfähig ist. An Hand der Gleitzahlen kann man auch berechnen, unter welchen Kautelen – z. B. Gegenwind – Störche über eine Wasserfläche gleiten können, wie z. B.die Straße von Gibraltar, den Bosporus oder den Golf von Suez, was aber das Thema sprengen würde.

HINWEIS zur Gleitzahl GLZ
Aus mir nicht bekannten Gründen wird in der ornithologischen Literatur das Verhältnis von Entfernung zu Höhe (D : h) als Gleitzahl bezeichnet. So z. B. noch bei Wassmann Ralf: Ornithologisches Taschenlexikon; Aulaverlag 1999. Aerodynamisch exakt heißt dieses Verhältnis jedoch Gleitverhältnis und der Kehrwert davon – h : D – ist die Gleitzahl, die gleichzeitig den Tangens des Gleitwinkels angibt.
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Beitragvon skippy » Di 5. Jun 2012, 21:09

DER STORCHENZUG

Wenn die Augustsonne sich langsam gen Süden neigt, geht für die Nordhalbkugel wieder ein „Storchenjahr“ zu Ende, nicht aber für die Störchlis. Über Berg und Tal lockt sie der Sonne Strahl auf ihre lange Reise nach Süden, wie es sich für die rechten Südzieher und Thermikflieger gehört. Für sie beginnt die zweite Hälfte im Storchenjahr, der Zug in die seit Jahrhundertausenden altbekannten Winterquartiere auf der Südhalbkugel. Ganz im Banne der Sonne folgen sie ihr bis zu ihrem südlichen Wendekreis des Steinbocks bei 23,4° Süd und noch weit darüber hinaus.

Als die letzte Eiszeit, die Würmeiszeit, vor 20000 Jahren ihr Maximum in Mitteleuropa erreicht hatte, waren sie wie viele andere Tiere durch die kontinentalen Eis- und Gletschermassen aus ihren nördlichen Brutgebieten verdrängt und verbannt und suchten Zuflucht im Süden. Über den oberen Rheingraben und den Rhonegraben westlich der Alpen und über das Elbetal und den unteren Donaulauf im Osten zogen sie sich in die südlichen Refugien jenseits des Mittelmeeres zurück, da sie die vergletscherten Alpen nicht zu überfliegen vermochten. Sie waren auch für viele andere Tiere und auch Pflanzen eine unüberwindbare Wanderungsbarriere.

Als vor 20000 Jahren in der vehement kurzen Zeit von nur 6000 Jahren die Gletscher und das kontinentale Inlandeis zu schmelzen begannen und sintflutartige Fluten das Land überzogen, wurde das vergletscherte Land wieder frei und es begann sich eine baumlose Tundra mit Algen, Flechten, Moosen und Gräsern, gefolgt von den ersten Pioniergehölzen wie Birke, Kiefer, Hasel, später gefolgt von Eichen und Buchen zu entwickeln. So wie die Bäume aus ihren Mittelmeerrefugien wieder westlich und östlich der Alpen nordwärts zurückkehrten, so begannen auch die Störchlis auf diesem Weg sich ihre eisfrei gewordenen Brutgebiete nördlich der Alpen wieder zurück zu erobern.

Auch wenn die Bäume langsamer zurückkehrten als das Eis schmolz, so boten die zahlreichen Felsen doch reichlich Niststätten für die Felsenbrüterpopulation unter den Störchen und die zahlreichen Schmelzwasser und Kleinlebewesen der Tundra boten wieder hinreichend Nahrung. An Feuchtbiotopen mit ihren Faunen mangelte es in der voll besonnten Tundra nicht. Als sich auch der Baumbestand wieder weiter nordwärts ausgebreitet hatte, besonders die Eichen während des Atlantikum, der Eichenzeit, konnten sich die Störchlis mit ihren Horsten auch wieder auf Bäumen etablieren, die Baumbrüterpopulation, denn die Felsen als Niststätte waren ja schon längst besetzt. Zahllose subfossile Eichen sind uns als Relikte und Zeugen aus jener Zeit des Atlantikums in den Flusstälern des Alpenvorlandes und in zahlreichen Kiesgruben erhalten geblieben.

So wie die Bäume bei ihrer Rückkehr aus den Mittelmeerrefugien die Alpen nicht überwinden konnten, sondern das ca. 1200 km lange Gebirgsmassiv westlich und östlich umwandern mussten, so mussten auch die Störchlis bei ihrer Rückkehr aus der „Verbannung“ die Alpen westlich und östlich umfliegen, da sie das vergletscherte Gebirgsmassiv nicht überfliegen können. Aus jener fernen Zeit rühren also die uns noch heute erhaltenen beiden großen Zugwege der Störche westlich und östlich der Alpen her, weshalb man bei den Störchen von Westziehern und Ostziehern spricht. Der uns bekannte Storchenzug ist in seiner heutigen Form also das Ergebnis der letzten Eiszeit, der Würmeiszeit, benannt nach dem bayerischen Flüsschen Würm, das den Starnberger See entwässert. Ihr Zugverhalten ist weitgehend von den einstigen Geschehnissen der letzten Eiszeit geprägt.

Die Altmeisterin des Südafrikazuges - Prinzeßchen von Loburg – legte vom 16.08.03 bis 17.08.03 eine Zugstrecke von 660,17 km zurück. Das entspricht locker gleich mal fast sechs Breitengrade zu 111,11 km, die von ihr in dieser Zeit überflogen wurden. Da Störche aber kaum mehr als 50 km/h fliegen können, hätte sie dafür im Non-Stop-flug 13,2 Stunden gebraucht, woraus sich ergibt, dass diese Zugstrecke an zwei Tagen zurückgelegt worden ist, zumal Störche Tagzieher sind. Hiernach kann eine tägliche Flugleistung von 330 km zugebilligt werden. Leider liefern die Zugpositionen der Satellitentelemetrie dazu keine Zeitangaben in UTC mit.

Wenn die flüggen Stöchlis sich in der Thermik des Augustsommers erstmals in die Höhe schrauben, dann ist damit das Signal zum bevorstehenden Abzug gesetzt. Mit ihren scharfen Äuglein entgeht ihnen aus den luftigen Höhen auch nicht, wo die anderen ihrer Artgenossen in der Thermik kreisen und herniedergehen. Es sind die größeren ergiebigen Futterplätze, wo es zur Konzentration und Ansammlung der Jungstörche kommt, die für jene schließlich zum Sammelplatz für den Südzug werden, die den heimatlichen Horst hinter sich gelassen haben.

Es ist noch weitgehend ungeklärt, auf welche Weise sich ein solcher Zugtrupp zusammenfindet. Gelegentlich wird berichtet, dass Fremdstörche vor dem Abzug Horste mit Jungstörchen aufsuchen. Von anderen Fällen ist bekannt, dass die bereits ziehenden Störche bei ihren Rast- und Futterplätzen die dort versammelten Jungstörche mitnehmen, mitreißen, der „Mitriss“. Das ist besonders für die "zugfaulen" Gehegestorchabkömmlinge ein entscheidender Moment für ihren Mitzug.

Ist die Thermik des Morgens günstig, so strebt der versammelte Trupp suchend im Ruderflug in den späten Morgenstunden der nächsten Thermikblase zu, die sie durch ihr sensibles Gefieder mit untrüglicher Sicherheit rasch finden, und gleiten zum nächsten Rast- und Sammelplatz, wo sich neue Jungstörche dazugesellen. Immer größer wird so der Trupp der ziehenden Jungstörche, die sich auf ihren östlichen und westlichen Zugstraßen einfinden, und die wie in einem großen Trichter an den Meerengen des Bosporus und der Straße von Gibraltar sich zu einer gewaltigen Zugschaar ansammeln, rastend und wartend auf eine günstige Thermik, die sie in die entsprechenden Höhen führt, um im Gleitflug auf den afrikanischen Kontinent übersetzen zu können.

Bei einer Gleitzahl von 22,5 und völliger Windstille würde es theoretisch genügen, zur Einleitung des Gleitfluges in Höhen von 600 bis 700 m aufzusteigen, um dann mit einer Geschwindigkeit vom 50 km/h den 13 km breiten Bosporus zu überfliegen. Da aber stets vom Meer her wehende Gegenwinde die Fluggeschwindigkeit abbremsen und damit die Gleitzahl verringern, müssen weit größere Höhen zur Einleitung des Gleitfluges erreicht werden. Durch den Seewind geht der Gleitflug in den Segelflug über. Bei einem aus 2000 m Höhe eingeleiteten Gleitflug kann die Fluggeschwindigkeit dann ohne weiteres durch den Seewind beachtlich reduziert sein und die Gleitzahl bis auf 6,5 herabgesetzt werden, um das Überfliegen zu ermöglichen. Wer aus zu niedriger Höhe die Thermik verlässt, muss im Ruderflug weiterfliegen.

Ost- und Westzieher sind durch eine abstrahiert gedachte Linie, der Zugscheide, in Mitteleuropa voneinander „getrennt“, die von Kampen am Ijsselmeer über Osnabrück zum Kyffhäuser über den Regnitzfluss zum Lech am Alpennordrand führt. Westlich und östlich dieser Zugscheide zieht sich jeweils ein 100 km bis 150 km breites Band von Storchenbrutgebieten hin, das sowohl aus Ost- wie Westziehern besteht, also eine recht breite Mischzone bildet. Dieses Band folgt in groben Zügen also den von Nordwesten nach Südosten ziehenden Gebirgen des Teutoburger Waldes, Thüringer Waldes, Fichtelgebirge, Oberpfälzer- und Bayerischen Waldes und ist damit durch eine von NW nach SO ziehende Gebirgskette markiert, die eine gute Orientientierungshilfe darstellt, die für Vögel mühelos schon aus 100 km Entfernung und mehr erkennbar ist. Erst jenseits dieses breiten Mischgebietes treten die reinen West- bzw. Ostzieher auf.

Von der mitteleuropäischen Gesamtpopulation an Weißstörchen nehmen sich die Westzieher mit 5 bis 10 Prozent recht bescheiden aus. Erst in Nordafrika bekommen sie auf ihrem Zug enormen Zustrom. Der überwiegende Teil der mitteleuropäischen Störche ist also Ostzieher. Während die Westzieher bereits Mitte Juli ihren Südzug antreten, setzt dieser bei den Ostziehern erst Mitte August ein, also vier Wochen später. Westzieher kehren auch etwa vier Wochen früher wieder in die Brutgebiete zurück.

Sowohl bei West- wie auch bei Ostziehern setzt der Zug als ein Breitfrontzug ein, der sich trichterförmig verengt; bei den Westziehern an der 13 km breiten Meerenge von Gibraltar und bei den Ostziehern am Bosporus, den sie östlich Istanbuls überfliegen. Dort kommt es fast regelmäßig zu enormen Ansammlungen von Störchen und anderen Südziehern unter den Vogelarten, einem regelrechten Stau, da zum Überfliegen der Meerengen die Thermik abgewartet werden muss, die erst gegen neun Uhr einsetzt und an manchen Tagen auch auf sich warten lässt. Auch die vom Meer her wehenden Winde sind unter weiteren Wetterfaktoren ein entscheidendes Moment, das das Zugverhalten in seinem zeitlichen Ablauf beeinflusst.

Das Ruhe- und Überwinterungsziel der Westzieher ist das Gebiet zwischen Senegal, Nigeria und Tschadsee, das Mündungsgebiet des Senegal, der Oberlauf des Niger und das Kongobecken sowie die Savannen Nordnigerias zwischen 18°N und 12°N. Die Überwinterung der Westzieher dauert nicht sehr lange, oftmals kaum vier Wochen, bis sie schon wieder den Rückflug antreten. Über den Äquator hinaus nach Südafrika ziehen sie nicht. Die ist ein typisches Verhalten der Westzieher, zu denen auch die aus dem Elsass, Nordwestafrika und Algerien stammenden späteren Gehegestörche aus Altreu/Schweiz stammen. Ihr Zugtrieb ist wenig ausgeprägt, teilweise gänzlich verkümmert. Sie und ihre Nachkommen stellen einen Großteil jener Störche, die bei uns überwintern, die Winterstörche. Die noch etwas zugfreudigen unter ihnen ziehen gerade mal bis Spanien, wo sie die Horste der dortigen abgezogenen Brutstörche über den Winter hin besetzen.

Da die spanischen Brutstörche schon recht zeitig Ende Januar, Anfang Februar in ihre Brutreviere zurückkeheren, treffen sie oft auf diese Horstbesetzer aus dem Norden, womit Storchenkämpfe vorprogrammiert sind. Das gilt auch für unsere Winterstörche, die gern gleich mehrere fremde Horste im Winter aufsuchen. Die so in Zieher und Nichtzieher gespaltene Storchenpopulation ist also heute eine Teilzieherpopulation. Ob dies schon immer so war, bleibt dahingestellt.

Für einen guten Teil der bislang bekannten Senderstörche ist das Gebiet zwischen 12°N und 15°N das Ruheziel, wo sie futtersuchend umherstreifen. Die Ruheziele sind also keineswegs für alle Weißstörche die gleichen. Die echten Südzieher unter den Störchen, die den ganzen afrikanischen Kontinent als Transäquatorialzieher bis zu seiner Südspitze durchziehen und dabei Strecken bis zu zweimal 11000 km jährlich zurücklegen, sind die Ostzieher. Sie folgen den tropischen Regenfronten der Zenitalregen, die ihnen auf ihrer Wanderung reiche Futtergründe erschließen.

Nach dem Überfliegen des 30 km breiten Golf von Suez teilen sich die Ostzieher in zwei Hauptgruppen, wovon die Kleinere südwestwärts dem Tschad zustrebt und die größere Gruppe entlang des Nilgrabens den afrikanischen Kontinent bis zu seiner Südspitze unter ihre Fittiche nehmen. Das eigentliche Kerngebiet dieser Transäquatorialzieher ist das Gebiet von 24°S bis 32°S und von 23°O bis 31°O. Nach Süden setzt ihnen bei 34°S der Atlantik eine natürliche Barriere für ihren Weiterflug. Würde sich der afrikanische Kontinent weiter südwärts erstrecken, so würden sie wohl auch hier noch weit über den 50. Breitengrad Süd hinausfliegen wie auf der Nordhalbkugel.

Auch für die Ostzieher im Süden des Kontinents währt die eigentliche Zugruhe in ihren „Ruhezielen“ kaum mehr als vier Wochen. Die wieder norwärts steigende Sonne mit den ausgelösten Regenfronten der Zenitalregen diktiert ihnen förmlich den Rückzug auf, den sie vor Beginn des Südherbstes antreten müssen, denn auch hier sind sie auf Thermik angewiesen, die im Südherbst nachlässt.

Für West- wie Ostzieher gilt, dass der Rückzug nach Norden rascher und zügiger erfolgt. Eine interessante Tatsache ist, dass sich Westzieher und Teile der Ostzieher im Tschadgebiet, Nil und Kongo durchmischen. Ob hier auch ein Zugstraßenwechsel im Sinne eines Hufeisenzuges erfolgt, also Westzieher als Ostzieher zurückkehren können und umgekehrt, konnte bislang durch Ringfunde und -ablesungen noch nicht belegt werden, aber vielleicht erbringt die Satellitentelemetrie in absehbarer Zeit solche Hinweise.

Die echten Südzieher unter den Weißstörchen erleben nie einen Herbst oder Winter, weder auf der Nordhalbkugel noch auf der Südhalbkugel, denn sobald da oder dort der Sommer auszuklingen beginnt, schnüren sie ihr Fettränzlein zur Wanderschaft dorthin, wohin sie die Sonne wieder entführt, nämlich in den nächsten Frühling. Der Abzugsmonat August auf der Nordhalbkugel entspricht von den licht- und temperaturklimatischen Verhältnissen etwa dem Monat Februar auf der Südhalbkugel.

Es ist schon beeindruckend, wie das Leben der Störchlis mittelbar und unmittelbar vom Lauf der Sonne diktiert wird und alle Geschehnisse in diesem Gefüge harmonisch aufeinander abgestimmt sind. Die Ankunft der Störche im März, ihre Brut- und Aufzuchtzeit fallen in die Vegetationszeit des Nordfrühlings und Nordsommers mit ihrem hinreichenden Futterangebot, während auf der Südhalbkugel Herbst und Winter Einzug halten. Perfekt ist ihr Mauserzyklus an ihr Brut- und Zugverhalten und den Gleitflug angepasst, und rechtzeitig, bevor bei uns der Herbst einsetzt und die Thermik erlischt, sind die jungen Rangen flügge für den Weg in den Süden, wo sie sogleich der Südfrühling und Südsommer empfängt und ihnen die Rückfront der südwärts wandernden Regenfront der Zenitalregen einen reichen Tisch beschert, denn der Regen treibt das lichtscheue Gewürm aus dem Boden.

Wenn die Sonne am 21. Juni bei 23,4°N ihren höchsten Stand am Wendekreis des Krebses erreicht hat, die Tage am längsten bei uns sind zur Sommersonnenwende, herrschen auf der Südhalbkugel gerade die umgekehrten Licht- und Klimaverhältnisse, und die kurzen Tage dort wären für eine Jungenaufzucht ungeeignet. Bereits sechs Wochen vor der Sommersonnenwende setzt in den Subtropen der Nordhalbkugel und ihren Savannen die Regenzeit ein, die bis etwa acht Wochen nach dem Sonnenhöchststand anhält, das ist Mitte August, um dann in die Trockenzeit überzugehen. Das ist der Abzug der Störche, die bereits vier Wochen später die nördlichen Subtropen erreichen, wo die Regenzeit gerade zu Ende geht. Ihre Überschwemmungsgebiete mit dem Nahrungsangebot sind das Eldorado für die Störche. Da das Ende der Regenzeit mit dem Gang der Sonne langsam südwärts voranschreitet – Zenitalregen – folgen die Störche dieser südwärts wandernden Grenze zwischen Regen- und Trockenzeit. Der Südzug der echten Südzieher erfolgt nahezu zeitsynchron mit dem Voranschreiten der Regenfront nach Süden. Es ist immer wieder verblüffend, wie perfekt die Störche in dieses Raum-Zeitraster eingepasst sind, in ein harmonisches, die Nord- und Südhalbkugel umfassendes Gefüge, das in seiner Sinfonie im Gleichgewicht der Natur gipfelt.

Auf ihren alljährlichen weiten Reisen im Süd- und Nordzug durchfliegen die Störche in aller Regel mehrere Klimazonen zweimal, nämlich die der Nord- und Südhalbkugel und die äquatorialen Breiten. Von den gemäßigten Breiten mit ihren vier ausgeprägten Jahreszeiten über die Subtropen bis hin zu den immerfeuchten und immergrünen inneren Tropen, die keine Jahreszeiten mehr kennen, reichen diese Klimagürtel.

Die fehlenden Jahreszeiten der inneren immerfeuchten Tropen führen im Baumwuchs u.a. dazu, dass das Stammholz dort keine Jahresringe im Sinne von Früh- und Spätholz ausbildet. Eine charackteristische Eigenschaft von Tropenhölzern, denen die Holzmaserung fehlt.
An keine dieser Klimagürtel sind die Störchlis ganzjährig optimal angepasst. Ihre Überlebensstrategie besteht daher darin, dass sie von den in den gemäßigten Breiten sehr ausgeprägten Jahreszeiten den kalten und futterarmen Herbst und Winter meiden, auf der Nordhalbkugel wie auch auf der Südhalbkugel, und auf Wanderschaft gehen wie viele der anderen Zugvögel auch, um wärmere, lichtreichere Gefilde mit mehr Futterangebot aufzusuchen.

Für sie ist es sozusagen ein Umzug vom Winterquartier in ein neues Sommerquartier, wo die Beleuchtungsjahreszeiten mit ihrer Fülle an Licht einen langen hellen Tag garantieren, ein Spiel, das sie schon seit Jahrzehntausenden treiben. Sie weichen den lichtarmen Jahreszeiten aus, womit sie sich wieder einmal als „echte Kinder der Sonne“ erweisen. Von unseren vier Jahrezeiten kennen die echten Südzieher unter den Störchlis eigentlich nur den Frühling und den Sommer und lernen den Herbst und Winter weder auf der Nord- noch auf der Südhalbkugel kennen.

Überwinternde Störche bei uns sind in aller Regel soche, bei denen der Zugtrieb verkümmert oder gänzlich erloschen ist, und sie entstammen meist der Gehegeaufzucht. Es sind die Winterstörche, die als Erbe von Altreu/Schweiz besonders häufig im Südosten Deutschlands, dem Elsass und der Schweiz anzutreffen sind. Infolge ihres erloschenen Zugtriebes müssen sie sich durch unsere nahrungsarmen Winter schlagen. Das Problem für sie ist nicht die Kälte, sondern der Nahrungsmangel.

Den gemäßigten Breiten folgt der breite und klimatisch sehr unterschiedlich beschaffene Gürtel der Subtropen von ca. 45°N/S bis zu den beiden Wendekreisen des Krebses bzw. Steinbocks bei 23, 4°N/S, in denen hohe Sommerwärme mit milden lichtarmen Wintern herrscht, und wo völlig unterschiedliche Feuchteverhältnisse mit 0 bis 12 Niederschlagsmonaten bestehen. In ihnen liegen die Savannen, ein bevorzugter Rast- und Überwinterungsplatz für die Störche.

Die Tropen, die im mathematischen Sinn von 23,5° Nord bis 23,5° Süd zählen, im geografischen Sinn aber von 20° Nord bis 20° Süd, gliedern sich in die beiden großen Hauptvegetationszonen des tropischen Regenwaldes und die Savannen. Werden die tropischen Regenwälder weitgehend gemieden und rasch umflogen, da hier täglich und ganzjärig enorme Niederschlagsmengen herniederprasseln und über ihnen keine Thermik herrscht, so bieten die Savannen den Störchlis eine längere und etwas freundlichere Bleibe. Die ständigen, schon am frühen Nachmittag einsetzenden schweren Tropengewitter der inneren, immerfeuchten und immergrünen Tropen (ca. 2°N bis 2°S) durchnässen ihr Gefieder, was sie für einen Thermikflug praktisch flugunfähig macht. Die inneren Tropen kennen keine Jahreszeit und damit auch keine Trockenzeit.

Ein etwas wirtlicheres Klima für die Störchlis bieten die wechselfeuchten inneren Tropen (ca. 2°N/S bis 14°N/S) mit ihren Savannen, die von zwei Regenzeiten und zwei Trockenzeiten peprägt werden, der großen oder langen und der kleinen oder kurzen Trockenzeit, weshalb dieser Klimagürtel ja auch wechselfeuchte Tropen genannt wird. Die Hauptniederschläge der beiden Regenzeiten liefern die Äquinoktialregen, jene Regengüsse, die um die beiden Tag- und Nachtgleichen im März und September zu fallen beginnen und ihre größten Niederschlagsmengen im April und Ende Oktober bis November erreichen. Auch dieses Klima bietet den Störchlis auf ihrem Zug keine dauerhafte Bleibe. Da diese Niederschläge stets nach dem Zenitstand der Sonne fallen, also wenn die Sonne am entsprechenden Ort ihren Höchststand im Zenit erreicht hat, werden sie auch als Zenitalregen bezeichnet.

Die hohe Kunst unter den Südziehern der Störchli besteht nun darin, auf ihrem Zug jeweils diejenige Zeit zu erwischen, wo die Regenzeit gerade zu Ende geht. Diese Kunst beherrschen die Südzieher meisterhaft, indem sie den südwärts und drei Monate später dann schon wieder nordwärts ziehenden Regenfronten nachwandern und sich somit immer an der Grenze zwischen Regenzeit und Trockenzeit bewegen und dabei einen reich gedeckten Tisch abernten können. Allerdings hat dieser reich gedeckte Tisch auch seinen Preis, nämlich die beachtliche Flugleistung bis in den Süden Afrikas, denn nur so kann allzeit nach den Regenfällen auch die Ernte eingebracht werden.

Einladender für die Störchlis sind nun die Savannen der wechselfeuchten äußeren Tropen mit nur einer Regenzeit und nur einer langen Trockenzeit; die sich etwa zwischen 14° N/S bis 20° N/S erstrecken. Je weiter die Savannen vom Äquator entfernt sind; umso trockener werden sie. Zeigen die Feuchtsavannen mit 3 bis 5 ariden Monaten (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Arides_Klima) noch den Großwuchs von immergrünen Bäumen wie im Regenwald, so haben die Trockensavannen schon 5 bis 7,5 aride Monate aufzuweisen; die Bäume treten zurück, zeigen bereits Laubfall und an ihre Stelle tritt mehr und mehr der Busch. Trockensavannen weisen keinen Waldcharackter mehr auf, es ist ein lockerer lichter Baumwuchs: die Dornbaumsavanne, die in noch trockeneren Gebieten in die Dornstrauchsavanne übergeht. Eine geschlossene Grasdecke besteht dort schon lange nicht mehr, es wächst nur noch büschelweise, und von 3 bis 4 Meter hohen Gräsern wie in den Feuchtsavannen ist dort nichts mehr zu sehen. Schließlich geht die Dornstrauchsavanne in die Wüsten über.

Es ist durchaus nicht so, dass der Weißstorch nur auf Feuchtbiotope angewiesen ist; er kann auch in Trockenbiotopen überdauern, aber nur wenn sie ausreichend Futter bieten. Das ist aber ganzjährig nicht der Fall. Zwei typische Charackterbäume prägen die Dornbaumsavanne: die Schirmakazie mit ihrer mächtig ausladenden flachen Baumkrone und der flaschenförmig gewachsene Affenbrotbaum, beide an die regelmäßig in der Trockenzeit dort auftretenden Savannenbrände angepasst und von den Störchlis gern als Schlafbaum oder als Rückzugsort benutzt.

Die Störchlis sind gern Nutznießer dieser Savannenbrände; weder von Feuer noch Rauch lassen sie sich beeindrucken und ziehen den Bränden nach, um zahlreiches Kleingetier gegrillt als Futter einzusammeln. Besonders die Heuschrecken in Mauretanien sind für die Westzieher ein gefundenes Fressen. Sie treten nach Abklingen der Regenzeit massenweise in kilometerlangen und -breiten Schwärmen als Wanderheuschrecken auf, die den Himmel wie eine Wolke verdunkeln können, und fressen das frisch sprießende Grün der Savannen nach der Regenzeit kahl. Von den Störchen werden sie pfundweise vertilgt, u. a. eben auch gegrillt nach den Savannenbränden.

Von Ringfunden und etlichen Senderstörchen ist bekannt, dass sie ihre Winterruhe zwischen 12°N und 15°N verbringen, also in den Savannen, und nicht nach Südafrika ziehen. Hier verweilen sie, bis sie die wieder nordwärts wandernde Sonne und ihre innere Uhr an die Rückkehr zu ihren Brutplätzen gemahnt.

Die Savannen sind die Heimat zahlreicher Tierarten. Das ist u.a. ein Ergebnis der letzten Eiszeit mit ihren Verlagerungen der Klimagürtel äquatorwärts. In den heutigen subtropischen Gebieten herrschte bis zum Ausgang der letzten Eiszeit vor 20000 Jahren ein gemäßigtes Klima und war deshalb Zufluchtstätte für zahlreiche Tierarten aus dem Norden, die dem eisigen Klima ausweichen mussten. Das gelang nicht allen Tierarten, besonders nicht den Säugetieren, da diese die vergletscherten Alpen und das Mittelmeer nicht zu überwinden vermochten. Aber zahlreichen Arten unter den Vögeln gelang dies dank ihrer Flugfähigkeit, die es ihnen ermöglichte, Barrieren auf dem Luftweg zu überwinden.

Es muss eine kaum vorstellbare Ansammlung von Tieren dort existiert haben, die sich aus den eiszeitlichen Klimabreiten dorthin flüchten konnten. Zu ihnen gehörten zweifelsohne die Störchlis als eine der ältesten Vogelarten. Kein anderer Naturraum ernährt heute noch so zahlreiche Großtiere und Tierarten wie die afrikanischen Savannen. Hier treffen die Störchlis auf alte Bekannte aus längst vergangenen Zeiten und erneuern die Bekanntschaft mit Elefant, Giraffe, Nashorn, Flusspferd, Antilope, Gnu und Zebra, Gazelle, Löwe und Gepard, Hyäne und Schakal, Geyer, Schuhschnabel, Reiher, Strauß und Sekretär und vielen anderen, darunter zahlreichen gefiederten Freunden aus ihrer Brutheimat, die den gleichen Reiseweg geflogen sind. Es ist eine für die Störche seit Jahrzehntausenden vertraute Welt, mit der sie bestens bekannt sind, und keine Fremde wie oft vermutet wird. Auch nicht die Hitze der dortigen Sonne macht den Störchlis zu schaffen, wie oft befürchtet wird, sondern allenfalls eine durch Trockenheit verursachte Futterverknappung. Doch dagegen hilft nur ein Weiterzug transäquatorial gen Süden den Regenfronten nach bis in die subtropischen und gemäßigten Breiten der Südhalbkugel.

Nach den bisherigen Erkenntnissen ist die Sahel-Zone südlich der Sahara (nicht zu verwechseln mit der Sahelzone im Norden der Sahara in Algerien und Tunesien) das größte Eldorado und Winterquartier für die Weißstörche. Sie ist das Übergangsgebiet der südlichen Saharawüste in die Savannengebiete des Sudan und erstreckt sich ca. 6500 km vom Atlantik bis an das Rote Meer über die Länder Mauretanien, Senegal, Mali, Burkina Faso (früher französisch Obervolta), Niger, Tschad und den Sudan. Der Sahel besteht fast durchweg aus lichter Dornbuschsavanne und geht nach Süden zu in eine lichte Dornbaumsavanne über, die äquatorwärts immer dichteren und schließlich auch immergrünen Wald aufweist. Die Regenzeit in der Sahelzone währt vom Juli bis September, und Mitte September treffen dort auch schon unsere Störchlis ein, also gerade zur rechten Zeit, wenn es dort die Leckerbissen abzuernten gilt, die die Regenzeit aus dem Boden getrieben hat.

Nomadisierende Viehzucht durch die Tuareg- und Fulbestämme im Norden des Sahel und eine kärgliche Landwirtschaft im Süden dieser Zone mit Baumwolle und Hirse ermöglichen der dortigen Bevölkerung wahrlich kein üppiges Leben. Da sind Störche schon einmal ein willkommener Leckerbissen im Kochtopf der heimischen Bevölkerung. Durch Anschleichen und Fang mit der Hand, vermittels Schlingenauslegen und Jagd mit Pfeil und Bogen werden sie dort noch erbeutet. Es wird aus der Natur zum Leben genommen, was man zum Leben braucht, seit Jahrtausenden, nicht mehr als unbedingt nötig, denn es würde alsbald im warmen Klima verderben. Selbverständlich geht da auch so mancher Ring- oder Senderstorch in die Falle.

Die Westroute unter den Störchen ist aus diesem Grund allgemein als die gefährlichere Zugroute bekannt und ist auch die schwierigere, da sie große Teile der Saharawüsten überquert, die von den algerischen und marokkanischen Störchen beflogen wird. Viele der Westzieher vollführen einen Schleifenzug, indem sie auf dem Rückflug die Nähe der Westküsten Afrikas als Zugstraße benutzen, also eine Schleife im Uhrzeigersinn fliegen.

Der Herbstzug der Störche deckt also im Sahel so manchen Tisch in den Hütten der Nomaden und Bauern mit Storchenfleisch, während in unseren Breiten die Störche durch Verdrahtung, Vergiftung, Vermüllung und Destruktion der Landschaft als Krüppel dahinsiechen oder gar dahinschwinden, als Zielscheibe für eine gewisse Jägerlobby dienen und durch Aufzuchtprogramme und Projekte für die Arterhaltung schließlich kostenträchtig gestützt werden müssen.

In einer Welt, in der sich das Umfeld der Störche und anderer Tiere derart schnell verändert, dass sie gar keine Zeit mehr haben sich anzupassen, ist es wohl schon mehr als vermessen, sie dabei auch noch den Darwinschen Ausleseprinzipien selbst zu überlassen. Etwa 40 Jahre bedarf es, bis sich eine bestimmte Vogelart auf gravierende Umweltveränderungen angepasst und eingespielt hat. Da kann man in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht Darwinismus auf „Teufel komm raus“ praktizieren, denn wir leben schon lange nicht mehr in einem vom Menschen unberührten Primärbiotop, der sich selbst zu regulieren vermag. Der existierte allenfalls noch vor 35000 Jahren, als der Mensch begann, sesshaft zu werden und seine Umwelt durch Ackerbau, Viehzucht, Weidewirtschaft und Waldwirtschaft zu verändern.

Nahezu Unmögliches wird heute von den Störchlis in unseren Breiten erwartet. Erst den Störchlis im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgraben und damit ihre Feuchtbiotope als Nahrungsquelle zerstören, sie in vermüllten und abgesoffenen Horsten mit ihren Gelegen und Küken der Unterkühlung, Verklammung und dem Ertränken überlassend, erwartet der Mensch nun von ihnen, dass sie nach den Darwinschen Ausleseprinzipien selbst aus dieser Bedrängnis herausfinden, in die er sie erst gebracht hat. Und schließlich, wie in einem gesunden Biotop, sollen sie auch recht viel Nachwuchs hochbringen und natürlich auch alle Jahre wiederkehren in ihren vom Menschen zerstörten Biotop. Diese illusorischen Erwartungen kann man „aus der Sicht der Störche“ wohl in einem Satz zusammenfassen: „Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger“!

Die Tiere, und hier die Störche, bedürfen heute eines Geleitschutzes, einer Begleitung durch den Menschen, der sie erst in diese prekäre Situation gebracht hat, und nur er kann ihnen zurückgeben, was er ihnen einst und jetzt genommen hat. Störungen in den Brut- und damit in den Reproduktionsgebieten wiegen allemal doppelt schwer im Vergleich zu den Störungen auf den Zug-, Rast- und Überwinterungsplätzen, da sie die Vermehrung der Störche durch Verminderung des Brutaufkommens schon unmittelbar an ihrer Wiege dezimieren. Das heißt aber nicht etwa, dass wir Zuchtstörche ziehen sollen, vielmehr gilt es die zerstörten Biotope zu renaturieren und damit wieder Lebensraum für das Wildtier zu schaffen.

Bislang hat der Mensch noch nicht so recht gelernt, den Lebensraum mit den Tieren zu teilen und sie als Mitgeschöpfe zu akzeptieren. Richtiger wäre noch die Behauptung, dass der „zivilisierte“ Mensch es verlernt hat, das Tier als Mitgeschöpf zu akzeptieren und mit ihm zu teilen, wie es die Indianerstämme hielten und Naturvölker bis heute praktizieren. Die afrikanischen Nomadenvölker sind sicher nicht Diejenigen, die den Storchenbestand nachhaltig dezimiert haben, denn ihnen ist eine Raubbauwirtschaft an der Natur völlig fremd, da sie ja von ihr leben müssen. Wer zerstört schon seine eigenen Existenzgrundlagen?!

Wie es u. a. mit dem Storchen- und Naturschutz allein nur unter unserer Jägerschaft ausschaut, die sich ja selbst beweihräuchernd als Heger, Pfleger und grüne Apostel des Naturschutzes sieht und verstanden wissen will und die die Naturschützer auf der Rückseite ihrer Medaille als Meinungsterroristen und Ökofaschisten bezeichnen, ist nur allzu wenig bekannt, denn die Hobbyjäger verstehen es vortrefflich, den Bock zum Gärtner zu machen und sich ins rechte Licht zu setzen:
Allein 2003 wurden im Storchenland Brandenburg 13 Weißstörche geschossen; das ist nur die Spitze eines Eisbergs bundesweit, denn die Dunkelziffer ist hoch. Von Abschüssen anderer nicht jagbarer Tiere, besonders unter den Greifvögeln, gar nicht erst zu sprechen. Von diesen Schießern hat Keiner einen Storch geschossen, weil er ihn für den Suppentopf brauchte, sondern allein deswegen, weil ihm als Schießer unter den „Grünen Notabiturienten“ und Jüngern Dianas der Finger am Hahn zu locker sitzt! Einen Storch mit einem Graureiher verwechselt haben zu wollen, ist schon ein starkes Stück weidmännischer Unkenntnis oder besser billige und leicht durchschaubare Rechtfertigungspraxis für Schießer. Es gehört in den Bereich des Jägerlateins; schließlich kennt schon jedes Schulkind einen Storch. Wenn ihn aber ein Hobbyjäger mit abgelegter Jägerprüfung selbst mit einem Fernglas als obligate Jagdausrüstung nicht kennt oder kennen will, sollte er seinen Jagdschein zurückgeben und einem Schießverein beitreten. Unter Weidmännern hat er nichts verloren. Doch selbst bei aller Unkenntnis über die Art eines angesprochenen Stückes Wild gilt immer noch beim echten Weidmann: “Was ich nicht sicher ansprechen kann, kann ich nicht schießen“! Da bei solchen Wildtierfrevlern der Schuss dennoch erfolgt, hilft hier nur der rigorose Jagd- und Waffenscheinentzug, verbunden mit einer empfindlichen Geldstrafe, die in die Storchen- und Naturschutzprojekte einfließen sollte, dorthin, wo der Schaden angerichtet wurde.

Zum Schluss dieses Themas „Storchenzug“ noch ein Hinweis zu einem kleinen aber feinen Brutvorkommen von Weißstörchen in Südafrika. Es ist seit mehr als sieben Jahrzehnten dort bekannt und hat sich auch bis heute erhalten, ohne sich aber bislang wesentlich vermehrt zu haben. Die Population scheint nicht zu wachsen. Für diese Störche steht die Sonne stets im Norden, aber auch sie ziehen im Südherbst und Südwinter – aber nicht nach Süden – sondern nach Norden, eben der Sonne nach. Und wie sollte es auch anders sein, denn die südliche Sonne wandert im Südherbst und Südwinter ja wieder nordwärts. Auch diese Störchlis stehen also bei ihrer Wanderschaft ganz im Banne der Sonne und ihres gleißenden Lichts. Doch sind sie nicht sehr zugfreudig, kaum dass sie bis an den Äquator ziehen, erlischt ihr Zugtrieb schon bald. Aber auch sie zeigen zweifelsfrei, dass auch ihr Zugverhalten auf die Sonne und deren Stand am Horizont fixiert ist; darin unterscheiden sich die südafrikanischen Brutstörche nicht von unseren mitteleuropäischen Brütern.

Bekannter Gast in den südafrikanischen Gefilden dieser Störche ist dort im südafrikanischen Sommer das berühmte Senderstörchli Prinzeßchen von Loburg. Sie taucht immer gerade dann dort auf, wenn ihre südafrikanischen Vettern dort im Januar ihre Jungen aufziehen. Ob sie das wohl an ihre alsbaldige Rückkehr in ihr Brutgebiet gemahnt? In Brutstimmung ist sie dort noch nicht, aber vielleicht mag ein dumpfes Ahnen in ihr aufsteigen und sie an ihre Pflichten in der Brutheimat erinnern. In der Zugsaison 2002/2003 schlug sie einen gewaltigen Haken südwestwärts, umflog die Kalahariwüste und erreichte dennoch ihr Ruheziel an der Südspitze Afrikas, stets die Sonne im Norden. Was mag sie wohl zu diesem gewaltigen Abstecher bewogen haben, der ihren ganzen Zeitplan für ihre Brut in Verzug brachte und schließlich auch brutlos endete.

Störche sind seit mehr als hundert Jahren durch die Beringungen und anderweitige Markierungen für ihre Horsttreue bekannt, also dafür, dass sie alljährlich immer wieder denselben Horst aufsuchen und als Brutstätte verwenden und ihn dazu auch heftig verteidigen. Erst in den letzten Jahren ist durch die Satellitentelemetrie bekannt, dass Störche hinsichtlich ihrer eingeschlagenen Zugwege gleichfalls eine hohe Treue – die Zugroutentreue – aufweisen, also bei ihren Herbst- und Frühjahrszügen immer die gleichen Zugwege benutzen. Dieses Treueverhalten trifft auch auf ihre alljährlichen Ruheziele zu. Jedes Storchenindividuum hat also hiernach seinen ganz individuellen Zugweg, der alljährlich präzis beflogen wird.


ERGÄNZUNG VON MARTIN

Vogelzug

Allein was die Zahlen angeht, ist der Vogelzug ein Phänomen der Superlative: Mehr als 50 Milliarden Vögel – die Hälfte der rund 10.000 heute lebenden Vogelarten – begeben sich jedes Jahr auf Wanderschaft. Während Gänse, Enten, Störche, Kraniche und Stare in großen Verbänden fliegen, sind die meisten Singvögel jedoch ganz allein unterwegs.

Rekordhalter in Sachen Entfernung ist die Küstenseeschwalbe: ihre Brutgebiete liegen in der Arktis, ihre Winterquartiere in der Antarktis. Auf ihrem Flug von Pol zu Pol bewältigt sie Strecken von 15.000 bis 25.000 Kilometern. Ebenfalls beeindruckend sind die Nonstopflug-Fähigkeiten: 1.000 Kilometer legt der nur hummelgroße Rubinkehlkolibri beim Dauerflug über den Golf von Mexiko zurück. Die bei uns heimischen Kleinvögel fliegen auf ihrem Weg ins südliche Afrika 2.000 bis 3.000 Kilometer am Stück. Auf stolze 7.000 bis 10.000 Kilometer summiert sich die Leistung von in Nordsibirien brütenden Schnepfenvögeln, die in Tasmanien überwintern.

Tag und Nacht unterwegs

Wie weit ein Vogel fliegt, hängt nicht zuletzt von seiner bevorzugten Nahrung ab. So sind bei uns brütende Insektenfresser wie zum Beispiel Rauchschwalben meist Langstreckenzieher, die südlich der Sahara überwintern. Die meisten unserer Körnerfresser – etwa Buchfinken – dagegen sind Kurzstreckenzieher, die nur bis Südeuropa oder Nordafrika fliegen. Auch die bevorzugte Reisezeit hängt von der Nahrung ab: Insektenfresser sind meist nachts unterwegs, ebenso die Mehrzahl der Wat- und Wasservögel. Körnerfresser dagegen fliegen meist tagsüber, und zwar in großen Schwärmen.

Warum das im Einzelnen so ist, wird noch erforscht. Fest steht: tagsüber fliegen all jene, die beim Fliegen die Thermik ausnutzen, also Greifvögel, Störche und Kraniche. Weil über dem offenen Meer kaum Aufwinde herrschen, werden Meere meist an Engpässen überquert. Gebirge werden entweder umflogen oder an niedrigen Pässen überwunden. Manche Zugvögel steigen dabei auf 8.000 bis 10.000 Meter Höhe empor, etwa beim Überqueren des Himalaja oder beim Ausnützen starker Windströmungen in Tiefdruckgebieten.

Märchen, Mythen und Fakten

Lange Zeit war unklar, wo Vögel die kalte Jahreszeit verbringen. So setzte Aristoteles das Märchen vom Winterschlaf der Vögel in die Welt. Und Carl von Linné, der Begründer der systematischen Biologie, vertrat die Ansicht, Schwalben versänken im Herbst in Sümpfen und kämen im Frühjahr als Amphibien wieder hervor. Erst seit dem 19. Jahrhundert wird der Vogelzug intensiv erforscht. Um 1890 begann der Däne Hans Christian Mortensen damit, Stare und andere Vögel mit Metallringen am Bein zu kennzeichnen. Mit Hilfe von Rückmeldungen über wiederaufgefundene Tiere konnte er nicht nur feststellen, wohin die Vögel abgewandert waren, sondern auch, welche Entfernungen die Tiere in welcher Zeit zurückgelegt hatten. Schon in der Antike waren einzelne Tiere markiert worden, doch die erste Vogelberingung im großen Stil fand auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen statt. Dort hatte man 1901 die Vogelwarte Rossitten gegründet, weil Scharen von Zugvögeln auf der Landzunge Station machen und sich dementsprechend leicht fangen lassen.
Vertrauen ist eine Oase des Herzens, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird. Khalil Gibran


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